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begriffen war. An der idealistischen Erhebung der
Malerei und Sculptur am Ende des achtzehnten Jahr
hunderts nahm die Kunstindustrie keinen Theil. Der
Geschmack an der Antike während der Zeit der fran
zösischen Revolution und des ersten Kaiserreichs war
schon an sich in der Art der Nachahmung keine glück
liche Erscheinung und blieb zudem eine Episode, die
mit der Restauration wieder verschwand. Mit der Re
stauration kam das Rococo wieder zurück, d. h. dieser
Zopf form- und sinnloser Schnörkel, geschweifter und
abgebrochener Linien und unregelmässiger Bildungen,
aber ohne den Reiz geistreicher Einfälle, ohne die zarte,
wenn auch gezierte Anmuth und Feinheit, welche immer
noch beim echten Rococo des achtzehnten Jahrhunderts
eine gefällige und anziehende Seite bieten. Das Rococo
des neunzehnten Jahrhunderts ist eine unverstandene
Uebertragung ausgestorbener und unbegriffener Ele
mente und Motive. Und damit begnügte sich unsere
vornehme und elegante Welt am Schmuck ihrer Salons,
an ihrem Mobiliar, an ihrem Tafelgeräth ein halbes
Jahrhundert hindurch in der gerühmten (Zivilisation
des neunzehnten Säculums, und unser bürgerliches
Haus hatte auch nur den verdünnten Abguss davon,
wenn nicht etwa von »Urväter Hausrath« noch ein ge
sundes Stück sich erhalten hatte.
Es kam noch dazu, dass mit den Formen auch
die Farben ausgestorben waren. Alle guten Kunststile
haben die Farbe geliebt und jeder unverdorbene Ge
schmack hat noch heute seine Freude an coloristischen
Effecten, nur die modernste Civilisation des achtzehnten
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