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Die Spitze hat sich aber von jeher wenig darum be
kümmert gehabt, und sie konnte es mit einem gewissen
Rechte, da sie in den selteneren Fällen ausgespannt
getragen wird, vielmehr stets flatternd und faltig er
scheint, was ja auch gemäss ihrer Luftigkeit, Leichtig
keit und Zartheit ganz in der Ordnung ist. Eben so
wenig hat aber auch hierauf die Decoration Rücksicht
genommen.
Nur im Anfang ihrer Geschichte, in der zweiten
Hälfte des sechszehnten und im Anfang des siebzehnten
Jahrhunderts, zu jener Periode, deren erhaltene Ueber-
reste wir gewöhnlich als venezianische Spitzen be
zeichnen, befand sich die Spitze in Einklang mit ihrer
Bestimmung. Sie diente entweder als »Kante«, ein
Ausdruck, der sich noch heute erhalten hat, und bildete
in der That am Gewand, am Kragen eine Kante,
einen Saum mit vortretenden »Spitzen« (»Zähnen«,
dentelles) oder sie zeichnete auf der Unterlage ein
schönes regelmässiges Muster. Davon haben sich die
Traditionen nur in der volksmässigen oder nationalen
Spitze erhalten.
Seit den Zeiten aber, dass die Brabanter Spitze
die anderen im Rufe überholte, war das Ziel stets die
grösstmögliche Feinheit, Zartheit und Mühsamkeit mit
der Mannigfaltigkeit und Verschiedenartigkeit der zier
lichsten Muster, wie sie nur die Technik gestattete oder
hervorrief. Dabei hat die sogenannte alte Spitze den
Vorzug eines, man möchte sagen, körnigen, soliden
Materials, welche Eigenschaft von der heutigen Fabri
kation bei gleicher Feinheit nicht erreicht wird. Aber