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und verwerflichen böhmischen Standpunkt stehen, las
sen sich gute Vorbilder vermissen. Das Luxusbedürf-
niss der reichen und vornehmen Classen des Landes,
ihr Vergnügen am schönen Schein, ihre etwas orienta
lische Prunklust, das rührige Treiben einer grossen
Stadt wie Pest, die zahlreichen Schlösser Ungarns und
ihr decorativer Bedarf lassen es wohl gerechtfertigt er
scheinen, wenn von Staatswegen durch Gründung von
Museen und Schulen für die Zwecke der Industrie et
was Rechtes geschähe. So wie sie ist, reicht die Kunst
industrie Ungarns für das vorhandene Bedürfniss nicht
aus und muss sich wohl zuweilen etwas mehr als Rath
und Vorbild aus der Fremde holen.
Im Bemühen, sich als modernen Culturstaat zu
zeigen, hat Ungarn seine nationalen Arbeiten etwas
stiefmütterlich behandelt; es hat den gebürsteten Sonn
tagsrock angezogen und die Werktagskleider in den
Winkel gehängt. Und doch bieten gerade die Werke
seiner Bauern und Bäuerinnen bei der Mannigfaltigkeit
der Völkerschaften, welche sich in den Ländern der
Krone Ungarns zusammenfinden, ein besonderes und
reiches Interesse. Allerdings gibt es auch in der Haupt
abtheilung der ungarischen Ausstellung zwei elegante
Vitrinen mit nationalen Costümstücken, allein gerade
diese machen, wenn wir uns nicht irren, keinen beson
ders echten Eindruck, sondern haben mit modernen
Farben und einer gewissen Art in der Zeichnung der
Stickerei etwas Verdächtiges, das sie eher aus der Hand
des städtischen Schneiders oder des Kleiderfabrikanten,
als der Bäuerin hervorgegangen erscheinen lässt. Sie