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erinnern uns an ein ehemals — wir wissen nicht, ob
noch — existirendes Modejournal für ungarische Na-
tionalcostüme.
Dagegen finden wir in einem keineswegs elegan
ten, abseits im Hof gelegenen Pavillon, zu welchem uns
ein halb offener Gang hinführt, eine höchst reiche
Sammlung wirklich echter Costümstücke und nationa
ler Gewebe, welche dem Pester Museum gehört. Bald
wird die Zeit kommen, wenn die Welt, welche sie re-
präsentirt, untergegangen ist, wo man diese Sammlung
zu schätzen wissen wird. Bisher pflegte sie nur von
dem Ethnographen beachtet zu werden, der in ihnen
die Besonderheiten der verschiedenen Nationalitäten,
der Slovaken, Magyaren, Wallachen, Siebenbürger-Sach
sen u. s. w. erkennt und unterscheidet. Aber schon heute
erfreuen sie mit ihren reizenden Farbeneffecten und der
unerschöpflichen Fülle ihrer einfachen und doch immer
neu combinirten Ornamente das Auge des Kunstfreun
des, und wer für die moderne Reformation des Ge
schmackes Interesse hat, der fühlt, dass hier eine Fund
grube noch unbenützter Motive vorhanden ist. Wer
aber die Kunst mit culturgeschichtlichem Auge betrach
tet, der wird wieder frappirt sein zu sehen, wie hier
das Ornament gleichsam eine gemeinsame Ursprache
spricht, die wir aus zahllosen Stickereien des 16. Jahr
hunderts, aus einer ganzen Reihe von Stickmusterbü
chern kennen und die heute nahe dem Nordpol bei den
Frauenarbeiten der Lappen, wie in Russland, wie auf
der andern Seite der Erdkugel in Indien und im indi-
dischen Archipel zu Hause ist.