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Die josephmische Zeit.
richten und zu diesem Ende die Lecture der schon sonst vorgeschriebenen
Classiker, wenigstens nach den in die Schulbücher eingeschalteten Auszügen,
fleissig zu betreiben. Deutsche Ausarbeitungen sind stets mit den lateinischen
zu verbinden.”
„Hingegen ist der Unterricht im Griechischen für die Humanitätsclassen
ein freier, und den übrigen „Neben-Lehrgogcnständen” (Geschichte, Geographie,
Mathematik, Naturgeschichte, Physik) sind nur wenige Lehrstunden der ein
zelnen Classen gewidmet.”
„Die erziehende Thätigkeit der Schule steht im Vordergründe; nachsichts
lose Strenge gegen Ausgelassenheit, regelmässiges (knieend zu verrichtendes)
Schulgebet, Vortrag erbaulicher Erzählungen sind ihre Mittel. Belohnungen
und Strafen sollen mit reifer Ueberlegung und strengster Unparteilichkeit ange
wendet werden; Schläge oder erniedrigende Strafen sind möglichst zu vermeiden.”
„Nach dem Schlüsse des ersten Halbjahres finden die österlichen, nach
dem Schlüsse des zweiten Halbjahres die herbstlichen Prüfungen öffentlich statt.
Zu denselben legt jeder Lehrer eine schriftliche Prüfungsarbeit sämmtlicher
Schüler und eine gewissenhafte Classification derselben nach vier Rubriken vor,
deren Gesammtergebniss mit angemessener Feierlichkeit bekannt gemacht wird.
Die Angehörigen ganz ungeeignet befundener Schüler sind sofort einzuladen,
dieselben von dem Gymnasium zurückzuziehen. Wiederholung der Classe darf
nur ein einziges Mal eintreten.”
Der Religions-Unterricht wurde den Bischöfen übergeben, sollte jedoch
ausschliessend nach dem Felbiger’schen Katechismus ertheilt werden.
Noch war der neue Lehrplan für die Gymnasien, welcher erst allinälig
mit dem Erscheinen entsprechender Lehrbücher in das Leben treten konnte,
im letzten Stadium seiner Durchführung begriffen 1 ), als Kaiser Joseph. II.
die Regierung antrat.
So gross sein Verdienst um die Volksschule, so eigenthümlich war
seine Stellung gegenüber dem mittleren und höheren Unterrichte. Er hatte
bei verschiedenen Anlässen die Schattenseiten xmpraktischer Gelehrsamkeit
kennen gelernt und theilte die in der Zeitströmung liegende Unterschätzung
derselben; ihm waren die Mittel- und Hochschulen nur Anstalten zur Heran
bildung von Staatsdienern, Aerzten oder Seelsorgern. Jene Beförderung allge
meiner Bildung, welche Hess den Gymnasien als Ziel vorgesetzt hatte, schien
dem Kaiser eine Utopie, deren Realisirung unmöglich Aufgabe einer Staats
anstalt sein könne, indem höchstens einzelne, besonders wohl organisirte Talente
dazu berufen seien und diese ihren eigenen Weg gehen, im äussersten Falle
hier und da der Unterstützung bedürfen. Eine gesittete Jugend erschien ihm
nothwendiger, als eine über das Maas der auf unmittelbaren Nutzen abzielenden
Studien hinaus gebildete.
1) Marx fungirle als director Immaniorum 1 775—1784.