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Full text : Bericht über österreichisches Unterrichtswesen, aus Anlass der Weltausstellung 1873, I. Theil: Geschichte, Organisation und Statistik des österreichischen Unterrichtswesens

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II.  Volksschule.

Rechnen,  sowie  im  Katechismus  unterwiesen  wurden.  Ausser  diesen  Schulen
und  den  sehr  verdienstvoll  wirkenden  Anstalten  einzelner,  für  den  Jugend-Unterricht
  gestifteter  weiblicher  Orden  gab  es  bei  den  Pfarren  derlei  Anstalten, ­
  durch  die  Dominien  und  die  Gemeinden  begründet  und  fast  vollkommen
von  denselben  abhängig.  Doch  lagen  sie,  ausserhalb  der  Landeshauptstädte,
oft  viele  Stunden  weit  aus  einander  und  wurden  selbst  innerhalb  jener  Städte
fast  nur  von  Kindern  der  ärmsten  Aeitern  besucht;  die  Lehrbücher  wimmelten
von  Fehlern,  die  Lehrer  kannten  weder  Methode  noch  Schulzucht  und  waren
bei  schmalem  Einkommen  grösstentheils  auf  Nebenverdienst  angewiesen.
Selbst  die  Regierung  Maria  Theresia’s  beschränkte  sich  bis  zu  dem  Jalire
1770  darauf,  die  Anordnungen  der  Kirche  in  Betreff  der  Christenlehre  durch
weltliche  Strafandrohungen  zu  unterstützen,  den  Kindern  armer  Aeltern  die
Benützung  des  elementaren  Unterrichts  auch  ausserhalb  der  Ordensschulen  zu
ermöglichen  und  einzelne  Misshelligkeiten  zwischen  der  Geistlichkeit,  den
Dominien  und  Gemeinden  über  Aufnahme  und  Entlassung  der  Schullehrer  zu
schlichten.  Während  in  ganz  Deutschland  bereits  der  regste  W  ettoifer  entbrannte,
der  Unwissenheit  und  Rohheit  des  Yolkes  durch  Bildungsanstalten  zu  steuern,
blieb  der  Zustand  des  Elementar-Unterrichts  in  Oesterreich  ein  schaudererregender
und  der  Schulbesuch  so  gering,  dass  im  Jahre  1770  von  100  schulfähigen  Kindern
(als  welche  man  die  Kinder  vom  5.  bis  13.  Jahre  bezeichnete)  selbst  in  Wien
nur  24,  im  übrigen  Erzherzogthume  unter  der  Enns  nur  ll>,  in  Schlesien  sogar
nur  4  wirklich  in  die  öffentliche  Schule  gingen,  in  der  Hauptstadt  vielleicht
noch  30  weitere  des  häuslichen  Unterrichts  sich  erfreuten,  der  ganze  Rest
daselbst  und  die  grosse  Mehrzahl  der  schulfähigen  Kinder  auf  dem  flachen
Lande  ohne  jeden  Unterricht  aufwuchs.
Doch  fehlte  es  auch  in  dieser  Zeit  nicht  an  Bemühungen  zur  Verbesserung
und  Verallgemeinung  der  Elementarschulen.  Mehr  als  die  adelige  Akademie
zu  Kremsmünster,  die  theresianische  Ritter-Akademie,  die  savoyische  Akademie
und  das  löwenburgische  Conviet  in  Wien,  die  Ritter-Akademie  in  Innsbruck
welche  ihre  adeligen  Zöglinge  hauptsächlich  in  die  Mittelschule  einfuhrten
wirkten  in  dieser  Beziehung  das  seit  1743  allmälig  heranwachsende  Waisenhaus ­
  in  Wien 1 )  und  die  gleichen  Institute  zu  Gratz  und  Klagenfurt.  Für
Mähren  erlangte  schon  1752  der  Reformplan  Prokop’s  von  Rabstein  die  Genehmigung ­
  der  Kaiserin,  einige  Schulbücher  wurden  nach  demselben  entwoifen,
bis  der  siebenjährige  Krieg  dazwischentrat.  Im  Jahre  170(3  wurde  ein  der
schlesischen  Schulordnung  nachgebildeter  „Entwurf  zur  gründlichen  Verbesserung
der  Trivialschulen”  in  Verhandlung  genommen,  in  den  nächstfolgenden  Jahren
jene  Schulordnung  und  die  bisher  nur  im  Wiener  Waisenhause  angenommene
Sagan’sche  Lehrmethode  in  Tirol  versuchsweise  eingebürgert.
Den  ersten  Anstoss  zu  einer  durchgreifenden  Regeneration  des  öster-1)
  Die  glänzenden  Leistungen  desselben  unter  Parliamer’s  Leitung  (seit  17u9)  werden  in
zahlreichen  Schilderungen  fremder  Uesucher  anerkannt.
            
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