die Wissenschaft; man mass und zeichnete, untersuchte und forschte und beschrieb,
und auf diesem Wege, durch die Wissenschaft hindurch, kam auch die ausübende
Kunst wieder zum wirklichen Verständniss der Gothik und der früheren Stilarten des
Mittelalters.
Gleichzeitig hatte in München ein hochgesinnter, der Kunst leidenschaftlich
ergebener König einen anderen Weg eingeschlagen. Er stellte der Baukunst eine
Reihe der höchsten Aufgaben; aber frei von Romantik, frei von Vorliebe für diesen
oder jenen Kunststil, sie alle kennend und anerkennend, wählte er für seine Bauten
den Stil je nach ihrer Art und Bestimmung. Antik-klassischer Stil, Byzantinismus,
romanischer Stil, Gothik bis zur Renaissance, sie alle fanden ihre Vertretung, für alle
schuf er leuchtende, noch heute bewunderte Muster.
Das war wohl eine gute und grossartige Methode für eine Zeit, die eben von
der tabula rasa, aus dem nichts, sich erheben wollte; sie zeigte viele Wege, aber sie
sagte nicht, welches der richtige und angemessene sei; sie befreite die Zeit nicht von
der Wahl, nicht von Zweifeln, Schwankungen und Versuchen. Und so blieb es denn
auch eine gute Weile dabei: erwachendes Leben und Interesse, Versuche in jedem
Stile, unterstützt von forschender Gelehrsamkeit, aber auch angethan mit ihrer Nüchternheit,
der Aufschwung der Phantasie vom Gelehrtenverstande niedergedrückt;
Schulweisheit statt freier Künstlerideen.
So standen die Dinge in der Baukunst, als unser Freund seine Schule durchmachte.
Das gährende und erwachende Leben in Deutschland hatte trotz der damaligen
geistigen Absperrung nicht ohne Einwirkung auf Oesterreich bleiben können.
Auch hier rührten sich die Geister in jugendlichem Eifer und rangen nach Befreiung
vom Baubureau, von seiner Schule und seiner Herrschaft. Befreiung von seiner
Schule, das hiess die Wiedererhebung der handwerklichen Bautechnik zu einer echten
und wahren Kunst, die Erweckung neuer Ideen, die Wiederbelebung erstarrter, leerer,
trockener Formen mit reichem, angemessenem Schmuck, die Lösung grosser Aufgaben
in grossem Geiste. Von der Herrschaft des Bureaus sollte die Concurrenz befreien,
die allgemeine freie Concurrenz, ein gutes Mittel in einer Zeit, wo die Talente, unbekannt,
in Unterdrückung geschmachtet hatten, aber gefährlich oder resultatlos heute,
wo jedem Talente das Thor offen steht und die Leistungsfähigkeit vor Augen liegt.
Und die Befreiung erfolgte im Laufe und am Ende der vierziger Jahre. Die
Concurrenz trat ein und auf dem freien Felde des Wettkampfes erschienen eine Anzahl
Talente, unter denen allen wohl Van der Nüll als Führer und Lehrer, als kühner
Neuerer in der Kunst damals weit vorragte. Es ist Pflicht der Dankbarkeit, dieses
Mannes auch einmal freundlichst an dieser Stelle zu gedenken, denn er war es, der
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