Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Heinrich Freiherr von Ferstel

die  Wissenschaft;  man  mass  und  zeichnete,  untersuchte  und  forschte  und  beschrieb,
und  auf  diesem  Wege,  durch  die  Wissenschaft  hindurch,  kam  auch  die  ausübende
Kunst  wieder  zum  wirklichen  Verständniss  der  Gothik  und  der  früheren  Stilarten  des
Mittelalters.
Gleichzeitig  hatte  in  München  ein  hochgesinnter,  der  Kunst  leidenschaftlich
ergebener  König  einen  anderen  Weg  eingeschlagen.  Er  stellte  der  Baukunst  eine
Reihe  der  höchsten  Aufgaben;  aber  frei  von  Romantik,  frei  von  Vorliebe  für  diesen
oder  jenen  Kunststil,  sie  alle  kennend  und  anerkennend,  wählte  er  für  seine  Bauten
den  Stil  je  nach  ihrer  Art  und  Bestimmung.  Antik-klassischer  Stil,  Byzantinismus,
romanischer  Stil,  Gothik  bis  zur  Renaissance,  sie  alle  fanden  ihre  Vertretung,  für  alle
schuf  er  leuchtende,  noch  heute  bewunderte  Muster.
Das  war  wohl  eine  gute  und  grossartige  Methode  für  eine  Zeit,  die  eben  von
der  tabula  rasa,  aus  dem  nichts,  sich  erheben  wollte;  sie  zeigte  viele  Wege,  aber  sie
sagte  nicht,  welches  der  richtige  und  angemessene  sei;  sie  befreite  die  Zeit  nicht  von
der  Wahl,  nicht  von  Zweifeln,  Schwankungen  und  Versuchen.  Und  so  blieb  es  denn
auch  eine  gute  Weile  dabei:  erwachendes  Leben  und  Interesse,  Versuche  in  jedem
Stile,  unterstützt  von  forschender  Gelehrsamkeit,  aber  auch  angethan  mit  ihrer  Nüchternheit, ­
  der  Aufschwung  der  Phantasie  vom  Gelehrtenverstande  niedergedrückt;
Schulweisheit  statt  freier  Künstlerideen.
So  standen  die  Dinge  in  der  Baukunst,  als  unser  Freund  seine  Schule  durchmachte. ­
  Das  gährende  und  erwachende  Leben  in  Deutschland  hatte  trotz  der  damaligen ­
  geistigen  Absperrung  nicht  ohne  Einwirkung  auf  Oesterreich  bleiben  können.
Auch  hier  rührten  sich  die  Geister  in  jugendlichem  Eifer  und  rangen  nach  Befreiung
vom  Baubureau,  von  seiner  Schule  und  seiner  Herrschaft.  Befreiung  von  seiner
Schule,  das  hiess  die  Wiedererhebung  der  handwerklichen  Bautechnik  zu  einer  echten
und  wahren  Kunst,  die  Erweckung  neuer  Ideen,  die  Wiederbelebung  erstarrter,  leerer,
trockener  Formen  mit  reichem,  angemessenem  Schmuck,  die  Lösung  grosser  Aufgaben
in  grossem  Geiste.  Von  der  Herrschaft  des  Bureaus  sollte  die  Concurrenz  befreien,
die  allgemeine  freie  Concurrenz,  ein  gutes  Mittel  in  einer  Zeit,  wo  die  Talente,  unbekannt, ­
  in  Unterdrückung  geschmachtet  hatten,  aber  gefährlich  oder  resultatlos  heute,
wo  jedem  Talente  das  Thor  offen  steht  und  die  Leistungsfähigkeit  vor  Augen  liegt.
Und  die  Befreiung  erfolgte  im  Laufe  und  am  Ende  der  vierziger  Jahre.  Die
Concurrenz  trat  ein  und  auf  dem  freien  Felde  des  Wettkampfes  erschienen  eine  Anzahl
Talente,  unter  denen  allen  wohl  Van  der  Nüll  als  Führer  und  Lehrer,  als  kühner
Neuerer  in  der  Kunst  damals  weit  vorragte.  Es  ist  Pflicht  der  Dankbarkeit,  dieses
Mannes  auch  einmal  freundlichst  an  dieser  Stelle  zu  gedenken,  denn  er  war  es,  der

3
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.