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Objekt: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

VORWORT DES HERAUSGEBERS* 
F ür das Erscheinen einer neuen Zeitschrift müssen 
triftige Gründe vorhanden sein. 
Gibt es doch übergenug Kunstzeitschriften, wozu 
eine mehr? 
Die „HOHE WARTE“ will keineswegs eine Kunst-« 
Zeitschrift mehr sein, sie will überhaupt keine Kunsts- 
Zeitschrift im herkömmlichen Sinne sein. Denn deren 
gibt es, wie gesagt, übergenug, und zum Teil sind sie 
ganz trefflich. Also. 
Aber trotz einzelner hoher künstlerischer Leistungen, 
die in so und so vielen Zeitschriften getreulich gebucht 
werden, ist im allgemeinen keine Erhöhung des Ge«- 
schmackes und der künstlerischen Bildung wahrzu-- 
nehmen. Im Gegenteil. Ungeachtet hochbedeutsamer 
Schöpfungen auf einzelnen Kunstgebieten wird das 
Bild unserer Städte, unserer Provinzen und unserer 
gesamten formalen Kultur täglich häßlicher. Und das, 
obgleich Unsummen für sogenannte „Verschönerungen“ 
verschwendet werden. 
Man ist in vielen Kreisen darüber klar geworden, daß 
unser ästhetisches Leben sehr niederliegt. V^as der 
natürliche Kunstsinn des Volkes früher geschaffen — 
der wertvolle Besitzstand heimatlicher und volkstüm-- 
lieber Kunstformen ist in Auflösung begriffen. Und 
was ist an seine Stelle getreten? V?o sind die guten 
neuen Formen, die einer solchen Überlieferung ent^ 
sprechen? Man mag die Notwendigkeit eines Wandels 
zugeben, aber man braucht nicht die Notwendigkeit 
zugeben, daß gewerbsmäßige Surrogate und Imi' 
tationen den Lebensformen den Stempel der Nüchtern-- 
heit oder verlogener Protzerei aufdrücken. In Ge-- 
schmacksdingen bestehen heute nur sehr verworrene 
Anschauungen: vom Vorurteil oder von der Mode 
genarrt, ist die Menge nicht im stände, das Gute und 
Solide, sei es ALT oder NEU, von der schwindel 
haften oder stümperhaften Mache zu unterscheiden. 
Man irrt in dem Glauben, daß dieser Tiefstand allein 
das ästhetische Gewissen betrifft. 
Wo sehen wir die Ergebnisse der naturwissenschaft 
lichen Forschung und der hochentwickelten Technik 
im Alltagsleben völlig wirksam? Jeder Einsichtige 
gibt ohneweiters zu, daß das Leben in den Städten 
durchaus nicht immer die Forderungen der Hygiene 
erfüllt und daß in sozialer Beziehung viele Erscheinungen 
sind, die der Ethik schroff widersprechen. 
Hier liegt auf Jahrzehnte hinaus eine wichtige und 
für unsere gesamte Kultur fruchtbare Arbeit vor; 
im einzelnen sind da und dort mit großer Umsicht 
Besserungsversuche unternommen und an allen Enden 
ist eine starke Bewegung zur „Pflege des ästhetischen 
Lebens“ eingetreten. Das Vort ist freilich unzureichend; 
es handelt sich nicht um oberflächliches /\sthetisieren, 
sondern um die Nährwerte der formalen Bildung. 
Parteipolitische und sonstige spekulative Interessen 
sind grundsätzlich ausgeschlossen; das Bestreben geht 
vielmehr dahin, die mit allerlei Nebeninteressen ver 
quickten künstlerischen und kulturellen Fragen aus 
dieser schädlichen Verquickung zu befreien und eine 
ebenso sachliche als künstlerische Betrachtungsweise 
anzubahnen. 
Die „HOHE WARTE“, die diese Bewegung auf 
nimmt und sie in weite Kreise trägt, betont nicht 
den Gegensatz zwischen „modern“ und „unmodern“, 
sondern zwischen GUT UND SCHLECHT. Die 
ganze formale Kultur, die keineswegs eine bloß äußere, 
sondern zugleich eine innere ist, hängt von der Fähig 
keit ab, diesen Unterschied wahrzunehmen. DAS 
GUTE KANN NIE HÄSSLICH SEIN, ABER 
DAS HÄSSLICHE IST IMMER SCHLECHT. 
Um das auf den ersten Blick sinnfällig zu machen, 
wird, wo es angeht oder notwendig ist, Beispiel und 
Gegenbeispiel einander gegenüberstehen, in der erzieh 
lichen Art, die Prof. Paul Schultze-Naumburg in 
seinen „Kulturarbeiten“ erprobt hat. 
Diese vergleichende Darstellung, die alle Gebiete des 
formalen Lebens, der Kunst und der Technik um 
fassen und bearbeiten wird, von der Wohnungsaus 
stattung bis zum Städtebau, erscheint recht geeignet, 
an Hand eines instruktiven Anschauungsmaterials die 
Grundlagen für eine auf lokalen und heimatlichen 
Voraussetzungen beruhende Gestaltungsweise zu 
schaffen. 
Die Pflege und Erhaltung einer wertvollen heimat 
lichen Tradition steht damit im Zusammenhang und 
die Beachtung vorbildlicher Beispiele anderer hoch- 
entwickelter Kulturen, vor allem der englischen, skan 
dinavischen und amerikanischen. Es soll auf diese Art 
nicht nur für die Städtekultur anregend und förderlich 
gewirkt werden, sondern auch für die PROVINZ, 
die allzulange nur das Schlechte von der Stadt emp 
fangen hat. 
Es ist zu hoffen, daß diese Bemühungen tatkräftiges 
Interesse und Mithilfe aller Einsichtigen finden. Die 
Zahl dieser Einsichtigen wächst von Tag zu Tag. 
Ein lebhafter Drang nach künstlerischer Kultur ist 
allerortens zu verspüren; es fehlte nach unserer An 
sicht nur noch, daß er fortlaufend geleitet und in die 
richtigen Bahnen gelenkt werde. 
NUR DER KERN DER DINGE NÄHRT. 
WALT WHJTMAN. 
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