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Full text: Grammatik der Ornamente

MAURISCHE ORNAMENTE. 
Dasselbe Ergetmiss liesse sich ebenfalls in einer winkeligen Composition, wie in Figur D, erzielen, indem 
man andere Linien, wie in E, hinzufügt, welche der Tendenz des 
Auges den geneigten Linien in winkeliger Richtung zu folgen, 
Einhalt thun ; fügt man aber zu diesen Linien noch Kreise hinzu, 
wie in F, so erlangt man eine vollständige Harmonie, d. h. die 
Ruhe — denn das Auge empfindet keinen weitern Mangel dem 
man abzuhelfen hätte.* 
In der maurischen Verzierung der Oberflächen entspringen 
alle Linien aus einem Mutterstamm, und jedes Ornament, so fern 
es auch sein möge, kann bis an seinen Zweig und seine Wurzel fortgeführt werden. Die Mauren verstanden 
die Kunst, das Ornament so richtig der zu verzierenden Oberfläche auzupassen, dass man oft zu glauben 
versucht wäre, dass das Ornament eben so gut die Idee der allgemeinen Form eingegeben haben mochte, 
als dass es von dieser veranlasst worden sei. Unter allen Umständen entspriesst das Blattwerk aus einem 
Mutterstamm, und nie wird man, wie das in modernen Werken oft geschieht, durch eine aufs Gerathewohl 
eingeschaltete zweck- und grundlose Verzierung unangenehm berührt. So unregelmässig auch der auszu 
füllende Raum sein mochte, unterliessen die Mauren doch nie, denselben erst in gleiche Grundflächen abzu- 
theilen, und um diese Stammlinien her brachten sie ihre Details an, ohne es je zu unterlassen zum Mutter 
stamm zurückzukehren. 
Hierin ahmten sie das Verfahren der Natur nach, wie man es in einem 
Weinblatte sehen kann, und welches zum Zweck hat, den Saft vom Mutter 
stamm nach den äussern Enden hin zu vertheilen; zu diesem Ende muss 
der Hauptstamm, so nahe als möglich, in gleiche Grundflächen abgetheilt 
werden. Dasselbe Verfahren offenbart sich in den kleinern Abtheilungen, 
indem jede Grundfläche mittelst Zwischenlinien unterabgetheilt wird, die 
ihrerseits durchgehends, bis auf die Ausfüllung der Saftbälge, dasselbe 
Gesetz der gleichen Vertheilung befolgen. 
6. Die Mauren befolgten überdiess auch das Principium der Strah 
lung vom Mutterstamm, wie es die Natur in der menschlichen Hand oder 
im Kastanienblatt offenbart. 
Im gegebenen Beispiel bemerkt man, wie schön und strahlenförmig alle die Linien vom Mutterstamm 
ausgehen; wie jedes Blatt gegen die äussersten Endepunkte hin abnimmt, und 
wie jede Grundfläche im Ebenmass mit dem Blatte steht. Die Morgenländer 
führten dieses Principium mit wunderbarer Vollkommenheit aus; und die Grie 
chen thaten dasselbe in ihrem Geissblatt-Ornament. Wir haben schon im Capitel 
IV., auf die im griechischen Ornamente sich offenbarende Eigenthümlichkeit 
hingewiesen, die von den Cactuspflanzen abgeleitet zu sein scheint, wo ein Blatt 
vom andern entspringt. Die griechischen Ornamente zeigen dieselbe Anord 
nung: ihre Acanthusblatt-RankenVerzierungen bilden eine Reihe von Blättern 
ö 
die in ununterbrochenener Linie von einander entspriessen, während die arabi 
schen und maurischen Ornamente immer aus einem ununterbrochenen Stamm hervorgehen. 
krummen Linien gehemmt. So ist die Deckplatte des Strebepfeilers aufs beste dazu geeignet, der aufwärts strebenden Tendenz der 
geraden Linien entgegenzuwirken; ebenso contrastirt der Giebel aufs trefflichste mit dem Bogenfenster und mit den senkrechten 
F Gnsfcc rstöckfln • 
* Aus der Vernachlässigung dieser so klaren Regel entsteht die so höchst misslungene Auffassung, die man häufig in den Papier- 
Tapeten, den Teppichen und besonders in Kleidungsstücken bemerkt. Die Linien der Papier-Tapeten scheinen sich durch die Zimmer 
decke drängen zu wollen, weil die gerade Linie nicht durch die winkelige, und die winkelige nicht durch die krumme Lmie berichtigt 
wird: ebenso laufen die Linien in den Teppichen immer nur in einer Richtung fort, und scheinen das Auge gerade durch die Wände der 
Gemächer führen zu wollen. Aus derselben Quelle entspringen alle die abscheulichen bunt und kreuzweise gestreiften Zeuge, welche 
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