MAURISCHE ORNAMENTE.
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7. Bei jeder Verbindung von krummen Linien-mit krummen, oder von krummen Linien mit geraden,
muss dafür gesorgt werden, dass diese Linien die Tangenten zu einander bilden. Dieses Ge
setz offenbart sich allenthalben in der Natur, und die morgenländische Praxis ist im Einklang
mit diesem Gesetz. Viele unter den Ornamenten der Mauren beruhen auf demselben Pnn-
cipium, welches sich in den Linien einer Feder und in den Vergliederungen eines Blattes
kund thut. Aus diesem Principium entspringt der erhöhte Beiz den man in jeder vollkom
menen Ornamentation findet und mit dem Namen der Anmuth bezeichnet. Man konnte
diese Schönheit die Melodie der Form nennen, während die früher erwähnten Eigenschaften
die Harmonie derselben ausmachen.
Diese Gesetze der gleichen Verkeilung, der Strahlung vom Mutterstamm, der ununterbrochenen
Linie und der tangentenförmigen Krümmung, finden sich allenthalben in der Natur geoffenbart.
8. Wir müssen hier auch auf die Beschaffenheit der zierlichen Krümmungen liinweisen, die bei den
Arabern und Mauren im Gebrauche waren.
Gerade wie, hinsichtlich des Ebenmasses, die Verhältnisse um so schöner sind, je schwerer es dem Auge
wird sie zu entdecken* ebenso müssen Krümmungen um so wohlgefälliger sein, je weniger das mechanische
Verfahren, mittelst dessen sie gebildet werden, dem Auge scheinbar wird; daher findet man auch ohne
Ausnahme, dass die den besten Kunstperioden angehörenden Gliederungen und Ornamente auf krummen
Linien einer hohem Ordnung begründet waren, wie die der Kegelschnitte zum Beispiel; aber im Verhältnis
als die Kunst in Verfall gerieth, wurden Kreise und andere mit Hülfe des Zirkels verfertigten Zeichnungen
viel vorherrschender.
Es geht aus den von Herrn Penrose angestellten Untersuchungen hervor, dass sämmtliche Rankenver
zierungen und gekrümmte Linien im Parthenon, Theile von Krümmungen einer höhern Ordnung bilden,
während Zirkelabschnitte höchst selten Vorkommen. Jeder kennt die zierlichen Krümmungen der griechi
schen Vasen unter denen sich nie ein Zirkelabschnitt findet. In der römischen Architektur, im Gegentheil,
sieht man diese verfeinerte Form nicht mehr; die Börner konnten wahrscheinlich diese Krümmungen einer
höhern Ordnung eben so wenig bilden, als sie sie zu würdigen verstanden; daher bestehen auch ihre Ge
simsegliederungen meistens aus Kreisabschnitten, die mit Hülfe des Zirkels gebildet werden können.
In den Arbeiten der früh-gothischen Periode war das Masswerk, allem Anscheine nach, nicht so oft das
Erzeugnis des Zirkels, als dieses während der spätem Periode der Fall war, welche man mit Becht die
geometrische Periode nennt, wegen des unmässigen Gebrauches des Zirkels.
Die hier gegebene Krümmung (a) ist der griechischen Kunst
sowohl als der gothischen Periode eigen, und war ganz besonders
bei den muhammedanischen Völkern beliebt. Sie wird um so
wohlgefälliger und zierlicher, je weiter sie von der Krümmung
absteht, die aus der Vereinigung zweier Zirkelabschnitte entstehen
würde.
9. Was den Werken der Araber und der Mauren einen fernem
Beiz verleihet, ist die conventioneile Behandlung der Ornamente,
in der sie eine um so grössere Vollkommenheit zu erreichen vermochten, da sie nie lebende Wesen darzu-
<lie menschliche Gestalt entstellen, den Geschmack des Publikums gefährden, und sogar die richtige Empfindsamkeit des Auges
gehörige Form in unserer Generation herabstimmen. Wenn Kinder beim misstömgen Klang einer verstimmten Drehleiter erzo
Wörden, so musste natürlich ihr Ohr dabei leiden, und ihre Empfindsamkeit für die Harmonie der Töne abgestumpft oder ganz zerstört
werden. Dasselbe Resultat muss nothwendig auch hinsichtlich der Form erfolgen. Deswegen sollten alle diejenigen, welchen andern
Wohl der entstehenden Generation gelegen ist, rastlos darauf hinarbeiten, dem Umsichgreifen dieses schlechten Geschmackes E
/U *'Alle aus Vierecken oder Kreisen bestehenden Compositionen sind nothwendigerweise einförmig, nnd bieten nur wenig Wohl
gefallen dar, weil die Mittel durch die sie entstanden, zu augenscheinlich sind. Daher werden, nach unserer Ansicht, alle aus gle che
Linien oder Abtheilungen enstandenen Composition minder schön sein als solche, zu deren W üidigung ein io leiei
anstrengung erforderlich ist.