MAURISCHE ORNAMENTE.
Zustand der gegenwärtigen Bauten, kaum einen Begriff zu macken vermag. An den schlanken Schäften
der hohen gothischen Gebäude waren aufwärts laufende spiralförmige Farbenlinien angebracht, die
den Säulen einen noch grossem Anschein der Höhe verliehen, und zugleich deren Gestalt deutlicher
entwickelten.
Ebenso wurden in der morgenländischen Kunst die baulichen Linien mittelst Farben klarer bestimmt,
deren verständige Anwendung nie verfehlte den damit versehenen Gegenständen einen grossem Anschein
der Höhe, der Länge, der Breite oder des Umfanges zu verleihen, und überdies in den Reliefverzierungen
immer neue Formen entwickelte, welche ohne die Farben gar nicht zum Vorschein gekommen wären.
Uebrigens haben die Künstler hierin sich nur von der Natur leiten lassen, in deren Werken jeder Ueber-
gang der Form zugleich durch eine Modification der Farbe bezeichnet wird, die darauf berechnet ist, eine
klare Deutlichkeit des Ausdrucks hervorzubringen. So werden mittelst der Farbe die Blumen von den
Blättern und Stielen, und diese letztem ihrerseits von der Erde, aus welcher sie entspriessen, abgeschieden.
In der menschlichen Figur ebenfalls macht sich bei jeder Formveränderung auch eine Veränderung in der
Farbe bemerklich: die Farbe der Haare, der Augen, der Augenlieder und der Augenwimpern, die Blut
farbe der Lippen, die blühende Röthe der Wangen tragen alle dazu bei, Deutlichkeit hervorzubringen, und
die Form klarer und augenscheinlicher hervortreten zu lassen. Jedermann weiss wie sehr die Abwesenheit
dieser Farben, oder die etwa durch Krankheit bewirkte Schwächung derselben dazu beitragt, den GesicliU-
zügen ihre natürliche Bedeutung und ihren Ausdruck zu benehmen.
Hätte die Natur allen Gegenständen nur eine einzige Farbe verliehen, so wären die formen derselben
ebenso undeutlich als ihr Ansehen einförmig erscheinen müsste, während die grenzenlose Mannigfaltigkeit
der sie bezeichnenden Tinten, ihren Modellirungen Vollkommenheit verleihet, und ihre Umrisse klar
bestimmt; die keusche Lilie wird ebenso deutlich von den Blättern abgeschieden, aus denen sie entspringt
als die glorreiche Sonne, die Urheberin aller Farben, vom Firmament in welchem sie glänzt, abge
sondert ist.
11. Die Farben, welche die Mauren bei ihren Stuck-Arbeiten anwendeten, waren, in allen Fällen, die
Grundfarben Blau, Roth und Gelb (Gold). Die secundären Farben Purpur, Grün und Orange, finden
sich nur auf den Mosaik-Würfeln, wo sie natürlich dem Gesichtskreis näher standen, und daher dem
Auge einen Ruhepunkt darboten, zur Erholung von den glänzendem Farben die höher oben angebracht
waren. Zwar ist heut zu Tage die Grundfarbe vieler maurischen Ornamente grün; aber bei genauer
Untersuchung findet man, dass die ursprünglich angewendete Farbe blau war, die aber als eine Metallfarbe
mit der Zeit grün geworden ist, Die kleinen Theilchen von Blau die überall in den Spalten vorhanden
sind, beweisen dies aufs klarste; auch geschah es, während der auf Befehl der katholischen Könige unter
nommenen Restaurationen, dass der Grund der Ornamente mit Grün und auch mit Purpur übermalt
wurde. Es muss hier bemerkt werden, dass, bei den Aegyptern, den Griechen, den Arabern und den
Mauren, in den frühesten Perioden der Kunst, die Grundfarben allgemein, ja fast ausschliesslich, gebraucht
wurden; während, in den Epochen des Verfalls, die secundären Farben eine wichtigere Stelle einzunehmen
anfingen. So finden wir, dass in den pharaonischen Tempeln Aegyptens die Grundfarben, in den ptolomai-
schen aber die secundären Farben die vorherrschendsten sind; ebenso findet man in den frühen griechischen
Tempeln die Grundfarben, während zu Pompeji jede mögliche Varietät der Schattirung und des Tons im
Gebrauch war.
Im modernen Kairo, und im Morgenland im Allgemeinen, sieht man allenthalben Grün neben Roth,
WiO man in den frühem Zeiten gewiss Blau angewendet haben würde.
Dasselbe ist der .Fall mit den Arbeiten des Mittelalters. In den frühen Manuscripten und in der Glas
malerei, gebrauchte man hauptsächlich die Grundfarben, ohne jedoch die andern färben gänzlich ais
schliessen; während in spätem Zeiten alle mögliche Varietäten der Schattirungen und der Tinten Vorkom
men, die jedoch nur selten mit demselben glücklichen Erfolg angewendet wurden.
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