ORNAMENTE DER WILDEN STAEMME.
Wunsch äussert sich überall, indem wir höher hinaufsteigen, von der Verzierung des rohen Zeltes oder
Wigwams bis zu den erhabenen Werken eines Phidias oder Praxiteles: des Menschen höchster Ehrgeiz ist
noch immer zu schaffen, und dieser Erde den Stempel des individuellen Geistes einzuprägen.
Von Zeit zu Zeit gelingt es einem Manne von kräftigerem Verstand als seine Zeitgenossen, das Gepräge
seines Geistes einer ganzen Generation aufzudrucken und eine Menge anderer minder kräftiger Naturen
mit sich fortzureissen, die ihm auf seiner Bahn fol
gen, doch nie so ganz genau um den individuellen
Ehrgeiz des Schaffens aufzuheben; auf diese Weise
entstehen die Stylarten und deren Modifikationen.
Die Bestrebungen der Völker die erst auf der nied
rigsten Stufe der Cultur stehen, gleichen denen der
Kinder; es fehlt ihnen zwar an Kraft, aber sie be
sitzen eine Anmuth, eine Naivetät die man selten im
mittlern Alter, nie aber im vorgerückten abnehmen
den Mannesalter, antrifft. Eben so verhält es sich
mit der Kindheit einer Kunst. Cimabue und Giotto
besitzen weder den materiellen Zauber Baphaels
noch die mannhafte Kraft Michelangelos, aber sie
übertreffen den einen und den andern an zarter An
muth und an ernsthafter Wahrheit. Der Reichthum
der zu Gebote stehenden Mittel führt zum Miss
brauche derselben: es glückt der Kunst so lange sie
zu kämpfen hat; wenn sie aber im Genüsse ihres
Erfolgs schwelgt, verlässt das Glück sie und alles
schlägt fehl. Das Vergnügen das wir beim Betrach
ten der rohen Verzierungsversuche der meisten wil
den Stämme empfinden, hat seinen Ursprung in un
serer Würdigung der Schwierigkeit einer glücklich
vollbrachten Aufgabe; wir sind entzückt von der
Augenscheinlichkeit der Absicht, und erstaunt zugleich über das einfache und sinnreiche Verfahren mittelst
dessen das Resultat erlangt worden ist. Was wir in jedem Kunstwerke, bescheiden oder anspruchsvoll,
hauptsächlich suchen, ist die Aeusserung des Geistes — das Zeugniss jener bereits oben erwähnten Lust
zum Schaffen, und alle die einen natürlichen Instinkt inne haben, sind erfreuet, wenn sie denselben bei
Andern entwickelt finden. Es ist auffallend, aber doch ganz wahr, dass diese Aeusserung des Gelstes~sich
leichter in den rohen Ornamentsversuchen eines wilden Stammes entdecken lässt, als in den unzähligen
Erzeugnissen einer hoch entwickelten Cultur. Die Individualität nimmt ab, im \ erhältniss wie das A er-
mögen des Her Vorbringens zunimmt. Wenn die Kunst durch vereintes Bestreben erzeugt wird, und nicht
aus der individuellen Machtanstrengung entsteht, so vermisst man darin fene wahrhaften Instinkte die
deren grössten Reiz ausmachen.
Tafel I. Die Ornamente dieser Tafel sind von Theilen verschiedener, meistens von Baumrinden ver
fertigter Kleidungsstücke. Muster 2 und 9 sind von einem Kleide,das Herr Oswald Brierly von der Insel
Tongo-Tabu, der vorzüglichsten in der Gruppe der Freundschaftsinseln, mitgebracht hat. Es ist aus den
dünnen Schichten der innern Rinde der Borke einer gewissen Species des Altheabaumes verfertigt, die flach
geschlagen und zusammengestellt werden um ein Parallelogramm des Stoffes zu bilden, der als Unterrock
mehrere Male um den Leib gewickelt, so dass Brust, Arme und Schultern entblösst bleiben, die einzige
Bekleidung der Eingebomen bildet. Es kann nichts primitiveres geben, und doch offenbart die Anordnung
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Kopf eines Weibes von Neu Seeland, im Museum zu Chester.