ORNAMENTE DER WILDEN STAEMME.
des Musters einen höchst verfeinerten Geschmack und die grösste Geschicklichkeit. No. 9 ist die Borte am
Rande des Zeuges; es wäre schwer, mit denselben beschränkten Mitteln, Schöneres zu leisten. Die Muster
werden mittelst kleiner Holzstempel gebildet, und obgleich die Ausführung etwas roh und unregelmässig sein
dürfte, so ist doch die Absicht überall sichtbar; und beim ersten Blick fällt einem die Geschicklichkeit in's
Auge, mit welcher die Massen balancirt sind, so wie die sinnreiche Methode die Tendenz des Auges in einer
Richtung fortzulaufen, durch das Anbringen anderer in entgegengesetzter Richtung sich bewegenden
Linien zu hemmen.
Als Herr Brierly die Insel besuchte, lieferte eine einzige Frau alle die daselbst gebrauchten Muster, und
für jedes neue Muster bekam sie zur Belohnung eine gewisse Quantität des Zeuges. Das Muster No. 2,
vom selben Orte, enthält ebenfalls eine vortreffliche Lehre der Composition die wir uns zu Nutze machen
können, obgleich sie von der Künstlerin eines wilden Stammes herkommt. Nichts könnte sinnreicher sein
als die allgemeine Anordnung der vier Vierecke und der vier rothen Flecken. Ohne diese rothen Flecken
auf gelbem Grunde wäre ein Mangel der Ruhe in der allgemeinen Anordnung empfindbar gewesen; ohne
die rothen Linien, die diese Flecken umgeben, und dazu dienendem Roth auf dem gelben Grunde durchzu
helfen, wäre die Anordnung noch immer unvollkommen gewesen. Wären die rothen Dreiecke nach Aussen
gewendet anstatt einwärts, so wäre die Ruhe gleichfalls gestört und der auf’s Auge hervorgebrachte Eindruck
wäre der des Schielens; bei der gegenwärtigen Anordnung hingegen findet das Auge, mittelst der rothen,
um die mittlern Vierecke angebrachten Flecken, einen Mittelpunkt in jedem Viereck und in jeder Gruppe.
Die das Muster bildenden Stempel sind ganz einfach, indem jedes Dreieck a und jedes Blatt A
mittelst eines einzelnen Stempels gebildet werden. Dies beweist wie ein JUk einfaches Werk- |||
zeug selbst in der ungebildetsten Hand, die sich aber von der instinktartigen Beobachtung der in den *
Naturwerken herrschenden Anordnung der Formen leiten lässt, leicht zu all den uns bekannten geometri
schen Anordnungen der Form führen würde.
Der achtspitzige Stern in der obern Ecke> links, des Musters No. 2
wurde mittelst einer achtmaligen Auflegung desselben Werkzeugs
hervorgebracht. Dasselbe geschah mit der schwarzen Blume, die
aus sechzehn einwärts f und sechzehn auswärts I gerichteten
Spitzen besteht. Die verwinkeltsten Motive der R byzantini
schen, arabischen und maurischen Mosaiken Hessen sich auf diese Weise erzeugen. Das Geheimuiss des
Erfolgs in jedem Ornamente liegt darin, einen allgemeinen kühnen Effect durch die Wiederholung einiger ein
fachen Elemente hervorzubringen, die Mannichfaltigkeit sollte vielmehr in der Anordnung der verschiedenen
Theile der Zeichnung gesucht werden, als in der Vervielfältigung verschiedener Formen. Die nächste Stufe
in der Verzierung, nach der Tatuirung des Leibes, ist natürlich das Aufdrucken verschiedener Muster auf
die dem Leibe zur Bedeckung dienende Kleidung, und zwar mittelst desselben
Verfahrens. In beiden diesen Verzierungsarten muss die Mannichfaltigkeit grös
ser und die Individualität mehr ausgeprägt sein als in den nachfolgenden Ver-
fahrunusweisen.die immer mechanischer werden. Der Gebrauch die Strohhalme
oder die Baumrinden Streifen zu flechten, anstatt sie in dünnen Blättern an
zuwenden, muss natürlich den ersten Gedanken des Webens eingeben, und
kann nicht verfehlen den Geist allmälig zur Würdigung der gehörigen Dispo
sition der Massen heranzubilden. Das Auge des Wilden, gewohnt daran nur
die Harmonie der Natur zu betrachten, muss leicht auf die Empfindung
und Wahrnehmung des richtigen Gleichgewichts eingehen, hinsichtHch der
Farbe; und dies ist auch wirklich der Fall in den Ornamenten der Wilden, wo
das richtige Gleichgewicht der Farbe und der Form immer streng erhalten wird. •
Nach der Bildung von gedruckten und gewobenen Ornamenten folgt die
Lust geschnitzte und Relief Ornamente hervorzubringen. Die zur Verthei- Gofloch.enes stroh ™ n aeu sand«u.h
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