KELTISCHE ORNAMENTE.
Handschriften teutonischen Ursprungs seien, indem im Norden von Deutschland durchaus keine Spur von
ähnlichen Kunstwerken zu finden ist.
Ueber die Quelle, aus welcher die ersten Christen ihre eigenthümlichen Verzierungsweisen ableiteten,
sind allerlei Muthmassungen aufgestellt worden. Manche Schriftsteller, die die Unabhängigkeit der
alten brittischen und irischen Kirche durchaus abläugnen wollen, behaupten sogar, dass einige der grossen
Stein-Kreuze Irlands in Ialien verfertigt worden seien. Diese Behauptung verwerfen wir um so bestimmter,
als Italien kein einziges, früher als vom neunten Jahrhundert herrührendes Manuscript, und auch gar keine
Steinarbeiten aufzuweisen hat, die die geringste Aehnlichkeit mit denen dieses Landes besitzen. Man darf
nur das neulich von der französischen Regierung herausgegebene Werk über die Catacomben von Rom zu
Kath ziehen, worin alle die Wand-Zeichnungen und Inschriften der ersten Christen mit grösster Sorgfalt
reproducirt sind, um zur Ueberzeugung zu gelangen, dass die altchristliche Kunst und Ornamentation von
Rom keinen Theil an der Entwickelung der Kunst in diesen Inseln hatte. Man findet zwar in den von
uns erwähnten würfeligen Prachtseiten der Manuscripte eine gewisse Aehnlichkeit mit den Mosaikfussböden
der Römer; und wenn diese verzierten Seiten nur in angelsächsischen Handschriften vorkämen, könnte man
dem Gedanken Raum geben, dass die römischen Mosaiken, deren es unläugbar in England gab, und die im
siebenten und achten Jahrhundert wohl noch nicht mit Schutt überdeckt waren, den Schriftmalern zum
Vorbild gedient haben mochten; doch sind es die irischen, und die unter irischem Einfluss verfertigten
Manuscripte, welche die vollkommensten und vollendetsten dieser Prachtseiten enthalten, und in Irland
giebt es keine römischen Mosaikböden, da die Römer nie nach jener Insel gekommen waren.
Man könnte auch behaupten, dass die Bandgeschlinge von den römischen Mosaiken hergeleitet seien,
wäre es nicht, dass die römischen Verschlingungen so einfach als nur möglich waren, und mit solchen ver
wickelten Knotenverschlingungen, wie man Tafel LXIII. dargestellt findet, durchaus keine Aehnlichkeit
haben. Die römischen Bänder sind bloss wechselweise über einander hingelegt, während die keltischen mit
einander verknüpft sind.
Andere Schriftsteller wollen diesen Ornamenten einen scandinavischen Ursprung geben; und wirklich
werden diese Ornamente immer mit der Benennung von Runenknoten bezeichnet und mit gewissen scandi
navischen abergläubischen Traditionen verbunden. Es ist unläugbar, dass in der Isle of Man und auch
zu Lancaster und Bewcastle manche runische Inschriften auf Kreuzen Vorkommen, die mit den oben beschrie
benen eigenthümlichen Ornamenten verziert sind. Da jedoch die Scandinaven von Missionären dieser
Inseln zum Christenthum bekehrt wurden, da überdies unsere Kreuze den gegenwärtig in Norwegen und
Dänemark befindlichen Kreuzen gar nicht ähnlich sind, und endlich, da diese letztem um mehrere Jahr
hunderte jünger sind als die ältesten und schönsten unserer Manuscripte, so ist kein Grund vorhanden,
warum man annehmen sollte, dass die Ornamente dieser Handschriften scandinavischen Ursprungs seien.
Um eine solche Behauptung zu widerlegen, vergleiche man nur unsere Tafeln mit den Hlustrationen der
alt-scandinavischen Reste im Museum zu Copenhagen, die neulich erschienen sind.* Unter diesen 460
Illustrationen giebt es nur eine einzige Figur (No. 398), die den Mustern unserer Manuscripte ähnlich ist,
und diese erklären wir ohne Anstand für einen Rest irischer Arbeit, Dass die scandinavischen Künstler sich
die keltische Ornamentationsweise, wie diese zu Ende des zehnten und während des elften Jahrhunderts aus
geübt wurde, zugeeignet haben, erhellt aufs deutlichste aus der Aehnlichkeit die zwischen den geschnitzten
hölzernen Kirchen der Scandinaven (illustrirt von Herrn Dahl) und den irischen Metallarbeiten derselben
Epoche herrscht, wie man am Kreuz von Cong, im Museum der königlichen irischen Academie zu Dublin,
bemerken kann.
* In der Abtheilung, welche in diesem dänischen Werke der Bronze-Epoche gewidmet ist, finden sich verschiedene spiralförmige
Ornamente auf Metallarbeiten, aber immer in der Pachtung eines GO und mit wenigen unkünstlerischen Modificationen. In der
zweiten Abtheilung, der Eisenperiode gewidmet, finden sich wohl Beispiele von fantastisch verschlungenen Thierfiguren auf Metall
arbeiten. Doch nirgends sieht man die verschlungenen Bandmuster, die diagonalen Z-ähnlichen oder die trompetenförmigen
Spiralmuster.
C C
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