Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Grammatik der Ornamente

MITTELALTERLICHE  ORNAMENTE.

hatte  sich  selbst  aufgezehrt.  Die  Baukunst  sowohl  als  die  sie  begleitenden  decorativen  Künste  neigten  sich
zum  Verfall,  der  auf  seiner  abwärtsgehenden  Bahn  nie  anhält  bis  der  Styl  gänzlich  erloschen  ist.
Unter  den  Darstellungen  encaustischer  Kacheln,  Tafel  LXX.,  sind  es  die  frühesten,  wie  No.  17  und  27,
welche  die  grösste  Fülle  des  Effects  verrathen  und  ihrem  Zweck  am  besten  entsprechen.  Zwar  kam  es,
selbst  während  der  Epoche  des  Verfalls,  nie  so  weit,  dass  man  den  Verzierungen  einen  Relief-Anschein  zu
geben  versucht  hätte,  doch  kam  man  oft  der  Darstellung  natürlicher  Blätter  ziemlich  nahe,  wie  in  No.  16  ;
und  in  manchen  Mustern,  wo  Masswerk  und  bauliche  Theile  der  Gebäude  dargestellt  werden,  wie  z.  B.  m
No.  23,  verkünden  sich  deutliche  Merkmale  des  A  erfalls.
Tafel  LXVI.  enthält  mannichfaltige  Darstellungen  conventioneller  Blätter  und  Blumen  aus  illumimrten
Handschriften.  In  den  Original-Manuscripten  sind  dieselben  zwar  meistens  reichlich  lllumimrt,  doch  haben
wir  sie  nur  in  zwei  Farben  hier  abgedruckt,  um  zu  beweisen,  dass  eine  Darstellung  im  Abriss  hinlänglich  ist
den  allgemeinen  Charakter  der  Blätter  darzuthun.  Man  dürfte  nur  diese  Blätter  oder  Blumen  einem  Volutenstamme ­
  anpassen,  um  scheinbar  eben  so  viele  Stylarten  zu  erzeugen,  als  es  einzelne  Ornamente  auf  der
Tafel  giebt.  Diese  Mannichfaltigkeit  könnte,  mittelst  einer  Combination  der  verschiedenen  Varietäten,  noch
bedeutend  vergrössert  werden;  und  endlich  könnte  man  dieser  Sammlung  noch  andere,  ebenfalls  conventioneil ­
  behandelte  natürliche  Blätter  oder  Blumen  hinzufügen,  und  auf  diese  Weise  dem  Erfindungsgeist  des
Künstlers  ein  neues  grenzenloses  Feld  eröffnen.
Die  Tafeln  LXXI.,  LXXII.,  LXXIII.,  enthalten  eine  Sammlung  von  Typen  verschiedener  Stylarten  die
wir  verzierten  Illustrationsarbeiten  entnahmen,  welche  vom  zwölften  bis  zum  Ende  des  fünfzehnten  Jahrhunderts ­
  herrühren.  Auch  in  diesen  Mustern  äussert  sich  die  Spur  des  Verfalls  schon  von  der  ältesten
Epoche  her.  Der  Buchstabe  N,  Tafel  LXXI.,  wird  von  keinem  unserer  Beispiele  späterer  Perioden  übertroffen: ­
  er  entspricht  in  jeder  Hinsicht  dem  wahren  Zwecke  der  illumimrten  Bilderschrift,  und  bleibt  durchgehends
  den  Anforderungen  der  rein  verzierten  Schrift  getreu.  Der  Buchstabe  bildet  die  Hauptverzierung
des  Blattes;  vom  Buchstaben  selbst  entspringt  ein  Hauptstamm,  der  sich  mit  kühnem  Schwünge  von  der
Basis  entwickelt  und  zu  einer  grossen  Volute  anschwillt,  und  zwar  am  Punkte  wo  diese  Schwellung  den  zierlichsten ­
  Contrast  mit  der  winkelförmigen  Linie  des  Buchstaben  bildet.  Diese  Linie  wird  wieder  mittelst
der  grünen  Volute  unterstützt,  die  den  obern  Tlieil  des  N  umschlingt,  als  ob  sie  das  Vorwartsfallen  desselben
verhindern  wollte,  und  ihr  Ebenmass  ist  in  so  vollkommenem  Verhältniss,  dass  sie  mit  Anmuth  und  Leichtigkeit ­
  die  daraus  entspriessende  rotlie  Volute  zu  tragen  vermag.  Auch  die  Farben  contrastiren  mit  einander
und  balanciren  sich  aufs  trefflichste,  und  die  sinnreiche  Weise  die  Rundung  des  Stammes  anzudeuten  ohne
auf  positives  Relief  hinzustreben,  bietet  uns  eine  nutzreiche  Lehre  dar.  Es  giebt  eine  ungeheuere  Anzahl
Manuscripte  dieser  Art,  die  wir  als  die  schönsten  Beispiele  der  illumimrten  Bilderhandschnft  betrachten.
Dieser  Styl  verräth  in  seinen  wesentlichsten  Merkmalen  den  morgenländischen  Charakter,  und  entwickelte
sich  wahrscheinlich  aus  der  byzantinischen  Bilderhandschrift.  Die  allgemeine  Verbreitung  dieses  Styls
hatte  zur  Folge,  dass  die  in  demselben  herrschenden  Principien  der  allgemeinen  Vertheilung  der  Form,  auch
in  der  früh-gothischen  Ornamentation  als  Gesetze  beobachtet  wurden.
Durch  beständiges  Wiederholen  jedoch  verlor  dieser  Styl  nach  und  nach  jene  eigenthümliche  Schönheit
und  Angemessenheit,  welche  die  Frische  der  ersten  Eingebung  ihm  verliehen  hatte,  bis  er  endlich  ganz
erlosch,  indem  die  Schnörkel  der  Rankenverzierungen  immer  verwickelter  und  winziger  wurden,  wie  man  in
No.  13,  Tafel  LXXI.,  sehen  kann.  Man  bemerkt  da  nicht  länger  das  gehörige  Gleichgewicht  der  Form,
sondern  die  vier  Serien  von  Rollwerk  bilden  nur  eine  einförmige  Wiederholung  derselben  Gestalt.
Von  dieser  Periode  an,  bildet  der  Anfangsbuchstabe  nicht  länger  die  Hauptverzierung  des  Blattes,
sondern  der  Text  wird  von  Rändern  eingeschlossen,  die  sich  um  die  ganze  Seite  herum  erstrecken,  wie  No.  1,
Tafel  LXXII.,  oder  das  Blatt  ist  mit  zwickelförmigen  Verzierungen  an  einer  Seite  versehen,  wie  No.  9,  10,
11,  12.  Die  Ränder  erlangten  immer  grössere  Wichtigkeit,  und  von  der  Vignettenform,  die  in  der  ersten
Zeit  so  allgemein  war,  ging  man  zuerst  zu  der  in  No.  15,  und  endlich  zu  der  in  den  Nummern  7  und  2
106
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.