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Full text: Grammatik der Ornamente

ORNAMENTE DER RENAISSANCE. 
W ENN zwei verständige Kunstforscher darauf ausgingen den Spuren der italienischen Kunst und Litteratur 
in allen ihren Phasen zu folgen, indem der Eine es sich angelegen sein liesse, den Zeitpunkt zu ermitteln, 
wo das directe, doch ermattete Licht römischer Grösse so weit abgenommen hatte, dass es nur noch einen 
schwachen und glimmernden Abglanz über das Land verbreitete, über welches es vormals seine leuchtenden 
Strahlen mit blendender Fülle ergossen, während der Andere es sich zur Aufgabe machte den frühesten 
Versuchen nachzuspüren, die daraufhinzielten, die Verehrung für die im Verlauf der Zeiten beinahe gänz 
lich erloschene classische Schönheit aufs neue anzuregen, so müssten sie nicht nur im Laufe ihrer Nach 
forschungen mit einander Zusammentreffen, sondern auch auf ihrer Bahn an einander vorübergehen. Dass 
die Bestrebungen zur Wiederbelebung der Kunst sich lange vor dem gänzlichen Erlöschen derselben offen 
barten, war übrigens ganz natürlich: denn die materiellen Monumente des alten Eoms, die in dichten 
Massen den Boden Italiens bedeckten, waren zu bedeutend, zu majestätisch um vergessen zu werden. Man 
durfte nur den Boden aufwuhlen, um mit leichter Mühe Bruchstücke von Stein, Bronze oder Marmor von 
ausgezeichneter Schönheit aus der sie kaum bedeckenden Erde an den Tag zu fördern. Diese Fragmente 
benutzte man zuweilen zu Grabmälern oder als Accessorien in Bauten, doch wurden in diesen Gebäuden 
selbst alle die Principien, welchen diese Bruchstücke ihre Schönheit verdankten, gänzlich ausser Acht 
gelassen. Daher fasste der gothische Styl nur langsam Wurzel in Italien, wo er im vollsten Glanz, aber 
nur kurze Zeit zu blühen bestimmt war. Beinahe zur selben Epoche als der Spitzbogen zuerst von einem 
Engländer m die Baute von St. Andrea, zu Vercelli, im Norden Italiens, zu Anfang des dreizehnten Jahr 
hunderts emgefuhrt wurde, und gleichzeitig mit den deutschen Arbeiten des Magisters Jacobus, zu Assissi, 
erhob Nicola Pisano, der so viel zur Wiederbelebung der antiken Sculptur beigetragen hat, seine Stimme 
zu Gunsten der Alten und ihrer Künste. Gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts erlitt überdies auch 
die litterarische Welt eine gänzliche Umwälzung; und Dante machte sich nicht nur als einer der grössten 
christlichen Dichter berühmt, sondern auch als ein würdiger Nacheiferer des unsterblichen Dichters von 
Mantua, und als ein tiefsinniger Nachforscher classischer Gelehrsamkeit. Im vierzehnten Jahrhundert ver 
wendeten die zwei innigen Freunde, Petrarch und Boccaccio, ein langes, thatenreiches Leben, nicht etwa 
bloss darauf, poetische und prosaische Werke in italienischer Sprache zu schreiben, sondern ihr vorzüg 
lichstes Bestreben war dahin gerichtet, der Welt den längst verlornen Text römischer und griechischer 
Autoren wieder zu geben. Cino da Pistoia und andere gelehrte Commentatoren und Rechtsgelehrte brachten 
das Studium des grossen “ Corpus •’ der alten Rechte wieder in Aufschwung, und bildeten Academien, wo 
dasselbe als Lehrtext angenommen wurde. Boccaccio war der erste der in Italien einen klaren Bericht der 
alten heidnischen Götterlehre herausgab; und er war es auch der den ersten Lehrkatheder der griechischen 
Sprache zu Florenz errichtete, zu welchem er einen gelehrten Griechen aus Konstantinopel, Namens Leontius 
Pilatus als ersten Professor bestellte. Diese Bestrebungen zur Wiederbelebung der classischen Gelehrsam 
keit erhielt die kräftigste Unterstüzung von Seiten einer zahlreichen Phalanx vornehmer Männer, unter 
denen wir Johann von Ravenna (Schüler des Petrarch), Leonardo Aretino, Poggio Bracciolini, Aeneas 
Sylvius (später Papst Pius II., 1458-1464) und Cosmo, den Vater der Medicis, als die bekanntesten anfüh 
ren. Gerade nachdem es den Anstrengungen solcher Männer gelungen war, alle noch vorhandenen Ueber- 
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