ORNAMENTE DER RENAISSANCE.
richtige W urdigung des unentbehrlichen Gleichgewichtes in Bezug auf Quantität, Verkeilung und verhält-
nissmässiges Colorit, welches zwischen den Wandmalereien und den Wandomamenten obwalten muss. Diese
richtigen Principien des Gleichgewichts wurden im vierzehnten Jahrhundert allgemein gewürdigt und aus-
geübt, und die Künstler Simone Memmi, Taddeo Bartolo, die Familie Orcagna, Pietro di Lorenzo, Spinello
Aretino und viele andere waren anerkannte Meister in der Kunst der Wändeverzierung. Im folgenden
Jahrhundert zeigte sich Benozzo Gozzoli ebenso eifrig in seinen Nachforschungen des Alterthums als in
seinen Studien der Natur, wie man ans den Hintergründen seiner Malereien im Campo Santo, wie auch
aus den herrlichen Arabesken in seinen Malereien in San
Gimignano wohl ersehen kann. Doch war es vorzüglich
Andrea Mantegna, der der Malerei dieselbe Richtung gab,
welche Donatello der Sculptur gegeben hatte, und zwar nicht
nur in den Figuren, sondern in jeder
Varietät der Ornamente, die er dem
Alterthum entlehnte. Seine herrlichen
Cartons, die sich im Schlosse Hampton
Court in England befinden, wären in
jeder Beziehung, und bis auf die klein
sten Details der Ausschmückung, des
Pinsels t , eines alten Römers würdig.
Gegen Ende des fünfzehnten Jahrhun
derts nahm der Styl der Polychromie
wieder eine frische Wendung. Von
den Eigenthümlichkeiten dieses Styls,
in Bezug auf Arabesken und groteske
Ornamente, werden wir in einem der
folgenden Capitel zu sprechen Gelegen
heit haben.
Wenn wir uns von Italien gegen
Frankreich wenden, finden wir, dass
die Franzosen die ersten waren, andern
in Italien auflodernden Feuer der Be-
ÄtVäÄ.SS naissance die Fackel der auflebenden
dei Miraeoii, Ve.edi,. Kunst zum Nutzen ihres Landes anzu
zünden, wozu die Kriegszüge Karls VIII. und Ludwigs XII. in Italien nicht wenig beitrugen, indem die
ra ° tWC1 6 V ° U E ° m ’ * Iorenz und Mailand bei dem Adel Frankreichs eine hohe Verehrung für die Künste
civcc Ae. Ras eiste Merkmal der bevorstehenden Umwälzung zeigte sich in dem zu Ehren Karls VIII. in
1499 errichteten Monument (welches unglücklicherweise in 1793 zerstört wurde), um welches zwölf weib
liche Figuren, von vergoldeter Bronze, die Tugenden darstellend, ganz im italienischen Styl gruppirt waren.
Im selben Jahre wurde der berühmte Architekt, Fra Giocondo von Verona, Freund und Mitschüler des
a. ern Aldus, und der erste Verleger einer richtigen Ausgabe des Vitruvius, von Ludwig dem Zwölften nach
Frankreich berufen, wo er sich von 1499 bis 1506 aufhielt, und für seinen königlichen Gönner den Entwurf
zweier Brucken über die Seine lieferte, und wahrscheinlich auch andere unbedeutendere Werke, von denen
jedoch keine Spur mehr bleibt. Man hat diesem Künstler auch die Baute des prächtigen, im Jahr 1502
vom Cardinal d’Amboise angefangenen Schlosses Gailion zuschreiben wollen, doch wird diese Annahme von
Emeric David und andern französischen Archäologen als grundlos erklärt. Der Styl des Gebäudes selbst
verrath unlaugbar einen französischen Ursprung und zeugt deutlich gegen Giocondo, der vielmehr ein
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Theil einer Thür in einem der Paläste der Dorias, nabe der
Kirche San Matteo, Genua.