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Full text: Grammatik der Ornamente

ITALIENISCHE ORNAMENTE. 
der Tafel LXXXVI. haben wir die vorzüglichsten in jenem Werke vorkommenden Motive der Ornamenta- 
tion dargestellt. 
Es wäre unrecht die bekannten Arbeiten der Alten mit den Arabesken der Loggie vergleichen zu wollen, 
indem diese letztem von den grössten Meistern der Zeit ausgeführt wurden und zugleich zur Verzierung 
eines der prächtigsten und bedeutendsten Gebäude dienten, die erstem aber einer minder ausgezeichneten 
Kunstperiode angehörten und, so weit die gegenwärtig vorhandenen Beispiele zeugen, bloss die Decorationen 
von Bauten bildeten die an königlicher Pracht dem Vatikan bedeutend nachstanden. Wenn es möglich 
wäre den verblichenen Glanz des Palastes der Cäsaren, oder des “Goldenen Hauses ” Nero’s wieder ins 
Leben zu rufen, dann dürfte der Vergleich wohl nicht unbillig erscheinen. 
“ In den alten Arabesken wurden die verschiedenen Theile, beinahe ohne Ausnahme, in.einem verjüngten 
Masstabe erhalten, um der zu verzierenden Localität eine scheinbar bedeutendere Ausdehnung zu 
verleihen, überdies verkündet sich in denselben ein vorherrschendes ebenmässiges Verhältniss unter den 
verschiedenen Theilen. Da findet man nie den auffallenden Unterschied der Verhältnisse zwischen den 
verschiedenen Motiven, den man oft in den Arabesken Rafaels gewahr wird, wo die verschiedenen Bestand- 
theile zuweilen unmässig gross und zuweilen unmässig klein sind. Dabei wird noch der grosse Tlieil 
neben oder über den kleinen gesetzt, wodurch der Widersatz nur um so emphatischer hervortritt, und das 
Ganze berührt doppelt unangenehm wegen des Mangels an Symmetrie sowohl als durch die Wahl der Deco- 
rationsmotive selbst. An der Seite der prächtigsten Arabesken die, in einem sehr kleinen Masstab, 
zierliche und winzige Combinationen von Blumen, Früchten, Thier und Menschenfiguren, Ansichten von 
Tempeln, Landschaften, &c., darstellen, findet man Blumenkelche aus denen gedrehte Stiele, Blätter und 
Blüthen entspriessen — die insgesammt, im Vergleich mit den daneben befindlichen eben beschriebenen 
Arabesken, von kolossalen Verhältnissen sind: wodurch nicht nur die zur Seite stehenden Decorationen 
beeinträchtigt, sondern das Imposante der ganzen baulichen Zeichnung aufgehoben wird. Endlich, wenn 
man die Gegenstände, im Bezug auf die Ideen welche ausgedrückt werden sollen, in Betracht zieht, und 
zugleich die Decorationen der Symbole und der Allegorieen untersucht,die dazu dienen diese Ideen sinn 
bildlich darzustellen, so kann man sich nicht verhehlen, dass die Werke der Alten, die von keiner andern 
Quelle als aus der Mythologie hergeleitet waren, hinsichtlich der Einheit der Idee, einen höchst günstigen 
Eindruck hervorbringen, im Vergleich mit der in den “ Loggie” so auffallend hervortretenden Vermischung 
von Gegenständen aus der Welt der Phantasie mit den Symbolen des Christenthums.” Diese Bemer 
kungen entlehnten wir dem tiefsinnigen Nachforscher der alten Polycliromie, Herrn Hittorff, und man kann 
nicht umhin die Eichtigkeit derselben anzuerkennen. Doch, obwohl man dergleichen I ehler im ensemble 
wohl rügen darf, muss man andererseits die unvergleichliche Grazie der Details nicht ausser Acht lassen, 
die sich in der Ausführung Eafaels und seiner Schüler kund giebt. “Wenn man sich vom Vatican nach 
der Villa Madama begiebt, findet man, gleich beim Eintritt in die Hallen, dass die Abtheilungen daselbst 
minder verwirrend in ihrem Gesammteffect wirken. Man bemerkt in den Hauptverzierungen ein besser 
abgemessenes Verhältniss und eine grössere Symmetrie. Die prächtigen Decken, trotz der Mannichfaltigkeit 
der Ornamente, üben einen besänftigenden und angenehmen Einfluss aufs Gemüth aus. Hier sind alle die 
vorzüglichsten Gegenstände den Scenen der alten Mythologie entnommen, daher sich auch eine mehr im 
Geiste der alten aufgefasste Einheit darin verkündet. Wenn wir die allgemeine Meinung als gegründet 
annehmen, dass diese herrliche Arbeit ein zweites von Eafael im Geiste des Loggie entworfenes V erk sei, 
dessen Ausführung aber gänzlich dem Giulio Eomano und dem Giovanni da Udine angehört, so kommen 
wir zum Schlüsse, dass die Lieblingsschüler des unvergleichlichen Meisters so glücklich waren jene Vergehen 
gegen den guten Geschmack zu vermeiden, welche Eafael selbst, sowohl als seine Zeitgenossen, im erstem 
Werke unfehlbar bemerkt haben muss, ungeachtet der günstigen Aufnahme die demselben einstimmig vom 
Publikum, von den Hofleuten und selbst von der Kunstwelt zu Theil wurde.” Im Gegensatz zu den 
Arabesken des Vatikans, die meistens auf weissem Grund stehen, sind die des genannten reizenden Land- 
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