ITALIENISCHE ORNAMENTE.
minder rein-decorativ, und im siebzehnten Jahrhundert verlor sich die Auffassungsweise der Arabesken
ganz in dem Streben nach jenen verblümten Decorationsweisen, die mit den übertriebenen Ideen architec-
toniscber Pracht übereinstimmten, welche die Jesuiten nährten und zu verbreiten suchten. In den Tagen
Bertinis, und noch später zur Zeit des Borromini, schwelgte der Stuccatore triumphirend in Schnörkeln
aller Art, während es dem decorativen Maler höchstens vergönnt war die perspectiven Schalkhaftigkeiten
des Padre Pozzo und seiner Schule, im beschränkten Raum zwischen den flatternden Flügeln und an dem
Faltenwurf der Engel anzubringen, die von den gewölbten Decken und Kuppeln in der Luft herabhingen.
Ehe wir vom Gegenstand der Arabesken gänzlich scheiden, dürfte es rathsam sein auf einige Anomalien
in den verschiedenen Localansichten derselben hinzuweisen. Es lässt sich wohl annehmen, dass der Einfluss
der alten Reste auf den Localstyl jener Ortschaften am deutlichsten wirkte wo diese Ueberbleibsel sich am
häufigsten vorfanden. Daher die Schule der Arabesken zu Rom der Antike viel näher steht als in Mantua,
Pavia und Genua, wo sich besondere Typen und Einwirkungen kund thun. So kann man zum Beispiel
das zu Mantua herrschende Ornamentationssystem in zwei verschiedene Schulen abtheilen, nämlich in die
Schule der Natur und in die der kraftvollen, beinahe an Caricatur grenzenden conventioneilen Auffassung,
die als ein Widerschein des beliebten römischen Heidenthums, von Giulio Romano eingeführt worden war.
Im verlassenen Palazzo Ducale verbleichen täglich mehr und mehr die anmuthvollen Fresken, von denen wir
Tafeln LXXXVII. und LXXXVIII. zahlreiche Darstellungen gegeben haben, und die grösstentheils auf
weissem Grund ausgeführt sind. Blumen, Blätter und Ranken winden sich um einem Centralstamm, wie
in Fig. 7 und 9, Tafel LXXXVII., und in diesen Fällen schien der Künstler seine Eingebungen an der
begeisternden Quelle der Natur geschöpft zu haben. In andern Beispielen aber, wie in Fig. 1, 2, 3, 4, 5, 6,
derselben Tafel, äussert sich ein rein conventioneller Styl in welchem die Hand des Künstlers dem Spiel
seiner wunderlichen Laune folgend, sich in Reihen von Schnörkeln und Krümmungen erging, die sich zwar
unablässig wiederholen, doch nur selten einförmig erscheinen, deren Hauptpunkte mittelst Blumenkelche
hervorgehoben werden, während die vorzüglichsten Hauptlinien derselben von parasitischem Schmarotzerlaub
verziert und hier und da gebrochen werden.
In den Beispielen 1, 2, 4, 5, Tafel LXXXVIII., zeigt sich ein deutlicher Unterschied in den Decora-
tionen eines und desselben Gebäudes. In diesen Fällen hat sich der Künstler noch weiter von der Natur
entfernt, dabei aber auch eine noch malerischere Darstellungsweise an den Tag gelegt als in den frühem und
reinem Mustern. Wir wollen keineswegs behaupten, dass es unmöglich sei den höchsten Ausdruck
architektonischer Schönheit mittelst ganz conventionell aufgefasster Ornamente zu erlangen, nur müssen
dergleichen Ornamente, wenn sie einen angenehmen Eindruck machen sollen, einfach und flach, im Bezug
auf Licht, Schatten und Farbe, behandelt werden. Im selben Verhältniss als die Elemente eines Orna
ments mehr oder weniger vom gewöhnlichen Ansehen der Natur abweichen, muss auch die Darstellung
derselben verschieden sein. Daher die feinen Arabesken der Tafel LXXXVII., in welchen die Formen der
in den Gärten und auf den Feldern wachsenden Pflanzen in freien Skizzen nachgebildet worden sind, einen
gewissen Grad zarter Modellirung und zufälligen Effects rechtfertigen, der uns in den absolut conven-
tionellen Beispielen der Tafel LXXXVIII., als ungerufen und kraftlos erscheint. In dem Gewühle von
Linien, in den flatternden Bändern und in den undeutlichen juwelenartigen Formen der Fig. 5, so wie in
den einförmigen Masken und Narrenkappen, No. 1 (Tafel LXXX.), zeigt sich schon die Tendenz zur
Caricatur, welche die Leistungen so sehr entstellt die das Genie des Romano mit so meisterhafter Gewalt,
aber unglücklicherweise mit zu grosser Ueberschwänglichkeit, schuf. So lange die üppige Fülle seiner
Fantasie durch den Umgang mit Künstlern von feinerem Geschmack im Zaum gehalten wurde, wie in der
Villa Madama und in seinen andern römischen Werken, war wenig dagegen einzuwenden; als er aber später
in Mantua zum “ Gran Signore” wurde, da liess er sich vom Rausche seiner Eitelkeit überwältigen, und
er mischte mit dem Schönen so manches das höchst lächerlich war.
Die Beispiele seiner Arabesken, die wir Tafel LXXXVIII. zusammengestellt haben, illustriren zugleich
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