Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Die Ausstellung oesterreichischer Kunstgewerbe 4. November 1871 - 4. Februar 1872

4 1

hatte  man  eine  ganze  Anzahl  Zimmerausschnitte  erhalten,  die,  ohne  getrennt ­
  zu  sein,  neben  einander  an  der  Wand  in  demselben  Saale  standen
und  natürlich  einen  sehr  bunten  Eindruck  machten.  Man  konnte  auf  diese
Weise,  wenn  man  es  vermochte,  den  Blick  zu  isohren,  allenfalls  die  Wirkung ­
  des  einzelnen  Stücks  auf  seine  Umgebung  sehen,  nicht  aber  die
Wirkung  und  Harmonie  des  Ganzen.
Wir  haben  demnach  ein  Recht,  die  Ausstellung  vollständiger,  künstlerisch ­
  concipirter  Zimmer,  die  mit  ihrer  Einrichtung  den  Eindruck  machen,
als  ob  sie  bewohnt  wären  und  nicht  erst  bewohnt  werden  sollten,  als
etwas  ganz  Neues  für  unsere  Museumsausstellung  in  Anspruch  zu  nehmen,
und  wir  legen  auf  diese  formelle  Seite  sogar  einen  grossen  Werth,  in  der
Meinung,  dass  der  Vorgang  für  die  Weltausstellung  von  1873  sehr  fruchtbar ­
  sein  werde.
Weit  grösser  jedoch  ist  die  Bedeutung,  welche  diese  Zimmer  durch
ihre  Tendenz,  durch  ihren  Gehalt,  durch  ihren  künstlerischen  Werth
haben.  Es  sind  ihrer  drei,  zwei  derselben  dem  grossen  Fabriks-Etablissement ­
  von  Philipp  Haas  &  Söhnen  angehörig,  das  dritte  hervorgegangen
und  ausgestellt  von  der  Decorationsanstalt  der  HH.  Schmidt  &  Sugg.
Alle  drei  verfolgen  ihre  Ziele  in  so  solider  Weise,  in  so  echt  künstlerischer ­
  Tendenz,  dass  es  unrecht  wäre,  über  Einzelnes  rechten  zu  wollen.
Wir  begnügen  uns  daher  mit  der  Rolle  des  Interpreten.
Die  drei  Zimmer  haben  das  Gemeinsame,  dass  sie  sämmtlich  von  der
heutigen  Schablone  abweichen;  sie  unterscheiden  sich  aber  darin,  dass  die
Zimmer  von  Haas  modern  gedacht  sind,  modern  im  besten  Sinne  des
Worts,  während  das  Zimmer  von  Schmidt  sein  Ideal  in  der  Vergangenheit ­
  sucht.
Die  Tendenz  von  Schmidt  war,  einen  Raum  herzustellen  mit  all’
der  anheimelnden  Gemüthlichkeit  und  wohlthuenden  Wärme  und  Behaglichkeit, ­
  wie  sie  in  alten  Zeiten  der  deutschen  Wohnung  zu  eigen  war,
oder  wie  wir  sie  derselben  zuschreiben,  aber  zugleich  mit  dem  Charakter
eines  soliden  Reichthums  und  einer  gewissen  wohlanständigen  Pracht.
Diese  Tendenz  ist  gewiss  eine  wohlberechtigte.  Das  Bedürfniss  darnach,
etwas  von  jener  anheimelnden  Stimmung,  jener  gemüthlichen  Wärme  in
unsern,  meist  kalt  und  unharmonisch  decorirten  Wohnräumen  zurückführen ­
  zu  müssen,  ist  oft  gefühlt  und  ausgesprochen;  soll  diese  Aufgabe
aber  zugleich  mit  der  soliden  Pracht  der  alten  Art  gelöst  werden,  so  ist
es  zugleich  ein  kostspieliges  Unternehmen,  dessen  Einführung  nicht  Jedermann ­
  gestattet  ist.  Immerhin  ist  auch  danach  die  Frage,  und  es  war
wohl  der  Mühe  werth,  einmal  ein  Ideal  dieser  Art  zu  schaffen,  welches
zum  Vorbild  dient  und  zugleich  von  dem  Streben,  dem  Geschmack  und
der  Leistungsfähigkeit  seines  Schöpfers  ehrenvolles  Zeugniss  ablegt.
Seine  Aufgabe  zu  lösen  hat  sich  Schmidt  an  den  Styl  der  Renaissance ­
  gehalten,  nach  unserem  Ermessen  mit  vollem  Recht,  denn  die
Gothik,  mit  der  wohl  dasselbe  Ziel  zu  erreichen  ist,  hat  für  die  Wohnung
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.