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Full text : Ein Ausflug nach Berlin

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deutschen  Reiche  machen  sich  verschiedene  Kunstströmungen  geltend,  die
ganz  berechtigt  sind.  In  Berlin  wird  sich  die  gothische  und  die  deutsche
Renaissance  schwerlich  einbürgern,  da  in  Berlin  die  besten  Kunsttraditionen
auf  die  Antike  und  die  französische  Renaissance  hinweisen.  Am  Rhein,  bei
den  Schwaben,  in  Baiern,  in  Hildesheim  sind  die  mittelalterlichen  Traditionen,
die  auch  bei  der  deutschen  Renaissance  nie  ganz  verloren  gegangen
sind,  nicht  wegzuwischen.  Schon  diese  im  Bauwesen  beruhenden  Differenzen
und  andere  bemerkte  unvertilgbare  Eigenthümlichkeiten  der  deutschen
Volksstämme  lassen  es  nicht  zu,  von  einem  nationalen  Style,  wenige  Monate
nach  der  Wiederherstellung  des  deutschen  Reiches,  zu  sprechen,  und  es
ist  Großsprecherei,  wenn  jetzt  von  einem  nationalen  Styl  im  Kunstgewerbe
gesprochen  wird,  und  die  Kunsthandwerker  und  Künstler  aufgefordert  werden,
auf  einen  nationalen  Styl  hinzuarbeiten.  Der  Werdeprocess  eines  Styles  hängt
von  ganz  anderen  Dingen  ab,  als  von  jenen,  welche  in  Gewerbevereinen  und
ähnlichen  Körperschaften  bei  solchen  Anlässen  gewöhnlich  behandelt  werden,
in  denen  die  kunstwissenschaftlichen  Dilettanten  das  große  Wort  führen.
Wie  mächtig  hat  ein  Künstler  wie  Schinkel  in  das  kunstgewerbliche  Leben
Berlinseingegriffen  und  wie  glücklich  wäre  das  heutige  Berlin,  wenn  sich  jetzt
ein  Architekt  von  dem  Range  und  der  umfassenden  Bildung  Schinkel’s
fände,  um  die  kunstgewerbliche  Bewegung  Berlins  zu  leiten!  Ich  sprach  diese
Worte  aus,  um  gegen  die  nationale  Tendenzmacherei,  die  in  Oesterreich  jetzt
mehr  als  je  zu  Hause  ist,  und  auch  Oesterreich  die  Einsicht  in  das,  was
zur  Hebung  des  Geschmackes  und  zur  Einführung  der  Kunst  in’s  Gewerbeleben ­
  nöthig  ist,  ohne  große  Hoffnungen  zu  haben,  dass  diese  weitere
Beachtung  finden  werden.  Werden  doch  die  nationalen  Aspirationen  in
ganz  Europa  selbst  von  jenen  gehätschelt,  die  am  meisten  Grund  hätten,  sich
über  diese  geistig  und  politisch  zu  stellen.
Noch  heute  zeigt  die  architektonische  Physiognomie  Berlins  den  Einfluss ­
  Schinkel’s  und  seiner  Schule.  Das  was  dieser  Architekt  für  Berlin
geschaffen  hat,  ist  geistiges  Eigenthum  Deutschlands.  Es  ruht  gewiss  auf
viel  solideren  Grundlagen,  als  Manches  was  sich  heute  in  Kunst  und
Kunstgewerbe  nationaldeutsch  nennt.  Wo  alte  Kunstwerke  und  Kunsttraditionen ­
  vorhanden  sind,  werden  diese  immer  die  Stylrichtung  der  kunstgewerblichen ­
  Production  beeinflussen.  Berlin  ist  eine  moderne  Stadt;  sie  hat
keine  romanischen  oder  gothischen  Denkmäler  aufzuweisen,  wie  Nürnberg,
Hildesheim,  Köln  und  Schwaben;  Berlin  muss  sich  auf  sich  stützen
und  die  geistigen  Grundlagen  seines  Kunstgewerbefleißes  in  seiner  besten
Einsicht  suchen.  Mit  Recht  betont  der  Bericht  der  Kaufmannschaft,  dass
Berlin  sich  vor  Ausschreitungen  in  der  Richtung  der  Renaissance  durch
den  Durchgang  durch  die  strenge  Zucht  der  Schinkel’schen  Schule  bewahrt ­
  hat.  Wenn  in  München  einige  Schriftsteller  die  deutsche  Renaissance
als  die  nationale  Grundlage  für  die  Münchner  Kunstgewerbeschule  proclamiren,
  so  mag  das  für  Nürnberg  und  München  bis  zu  einem  gewissen  Maße
zulässig  sein;  für  Berlin  passt  dieser  Styl  gewiss  nicht.  Was  aber  zu
            
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