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Volltext: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

ift. Der in London empfundene Mißftand ift im Grunde nur auf 
Mangel an Vorausficht und an nötigen Vorkehrungen zurück 
zuführen. Zum Beweis hierfür mag ein Zitat aus der Hdreffe 
des Präfidenten Sir Benjamin Baker an das Institute of Civil 
Engineers vom 12. November 1895 am Platte fein: »Wir Londoner 
beklagen uns oft über den Mangel an fyftematifcber Anordnung 
der Eifenbabnlinien und ihrer Endftationen in und um unterer 
Hauptftadt, der uns nötigt, lange Drofchkenfahrten zu machen, 
um von einem Bahnhof zum andern zu gelangen.« Diefer Miß 
ftand ift nach meiner Überzeugung bauptfäcblicb auf einen Mangel 
an Überlegung eines fonft fehr kundigen Staatsmannes, Sir 
Robert Peel, zurückzuführen. Im Jahre 1836 wurde im Unter 
haufe ein Antrag dahin eingebracht, daß alle Eifenbahnvorlagen, 
die um die Genehmigung von Endftationen in London einkämen, 
an einen Sonderausfchuß verwiefen werden follten, damit dem 
Parlament ein aus den verfchiedenen Projekten gebildeter, voll- 
ftändiger Plan unterbreitet werden könnte, und daß geeigneter 
Grund und Boden nicht unnötigerweife für Konkurrenzprojekte 
verloren ginge. Sir Robert Peel widerfprach dem Antrag von 
feiten der Regierung mit der Begründung, kein Eifenbabnpro- 
jekt käme zur Ausführung, bevor die Majorität des Parlaments 
nicht erklärt habe, daß die Prinzipien und Einrichtungen zweck- 
entfprechend feien und die Anlage nützlich fcheine. Es fei in 
folchen Fällen anerkanntes Prinzip, daß der Plan nicht genehmigt 
würde, bevor nicht bewiefen würde, daß der vorausficbtlicbe 
Gewinn ausreiche, um dauerndes Beftehen im Intereffe der All 
gemeinheit zu fichern. Die Grundherren dürften gegenüber 
weitfliegenden Plänen eine folche Garantie mit Recht vom Par 
lament erwarten und fordern. Bei diefer Gelegenheit wurde 
den Londonern unabfichtlich unberechenbarer Schaden zugefügt, 
denn auf diefe Weife wurde die Errichtung eines großen Zen 
tralbahnhofes in der Hauptftadt verhindert. Die Ereigniffe haben 
zudem erwiefen, wie falfch die Annahme ift, daß ein Parlaments- 
befchluß irgend eine Garantie für das finanzielle Gedeihen eines 
Eifenbahnunternehmens böte. □ 
Soll nun aber das englifche Volk für alle Zeiten unter dem 
Mangel an Vorausficht derer leiden, die fich die zukünftige Ent 
wicklung der Eifenbahnen wenig träumen ließen? Sicherlich 
nicht. Es lag in der Natur der Dinge, daß das erfte Eifenbahn- 
ne§ nicht nach einheitlichen Gefichtspunkten gebaut werden 
konnte. Je^t aber, bei dem Ungeheuern Fortfehritt auf dem 
Gebiete des Schnellverkehrs, ift es die höchfte Zeit, daß wir uns 
diefe Mittel in ausgedehnterem Maße zunutje machen und untere 
Städte nach einem ähnlichen Plan aufbauen, wie ich ihn vorher 
in den Grundzügen entworfen habe. Wir würden dann, dank 
der fchnellen Verkebrsmöglicbkeiten, einander näher gerückt 
fein als in unfern übervölkerten Städten, und doch zu gleicher 
Zeit unter den gefundeften und vorteilhafteften Bedingungen 
leben. a 
Einige meiner Freunde haben den Einwurf gemacht, daß ein 
folcher Plan von Städtegruppen nur da zur Ausführung gebracht 
werden könne, wo es fich um unbefiedeltes Land handle, daß 
aber die Sachlage in einem altbefiedelten Lande mit feinen ge 
gebenen Städten und einem zum größten Teil abgefchloffenen 
Eifenbahnfyftem eine ganz andere fei. Eine derartige Anficht 
ausfprechen, heißt aber behaupten, daß die beftehenden Ein 
richtungen des Wirtfchaftslebens ewiger Natur und immer ein 
Hindernis für die Einführung neuer Einrichtungen fein follen; 
daß übervölkerte, fcblecbt durchlüftete, planlos gewachfene und 
verbaute ungefunde Städte — Gefchwüre, die das Antlitj unterer 
febönen Infel verunftalten - Schranken für die Gründung von 
neuen Städten fein follen, in denen die Prinzipien moderner 
Städtetechnik und die Beftrebungen der Sozialreformer den 
weiteften Spielraum zur Entfaltung finden können. Nein, das 
kann nicht fein, wenigftens nicht mehr für lange Zeit. Was ift, 
kann das, was fein follte, für eine Weile hemmen, aber es kann 
die Flut des Fortfehritts nicht aufhalten. Diefe übervölkerten 
Städte haben ihren Zweck erfüllt. Eine auf Selbftfucht und 
Habgier fich aufbauende Gefetlfchaft konnte nichts Befferes 
bervorbringen. Aber fie find ihrer Natur nach gänzlich un 
geeignet für eine Gefellfchaft, in der die foziale Seite unterer 
Natur mehr nach Betätigung und ein verfeinerter Egoismus 
größere Rückfichtnabme auf das Wohlergehen unterer Näcbften 
verlangt. Untere heutigen Großftädte find kaum beffer für den 
Ausdruck diefes Geiftes brüderlicher Liebe geeignet, als für 
untere heutige Schule ein Werk über Aftronomie, das etwa 
lehrte, die Erde ftände im Mittelpunkt des Univerfums. Jede 
Generation muß ihren Bedürfniffen entfprechend bauen. Ebenfo- 
wenig wie man die Menfcben zwingen kann, an dem alten 
Glauben feftzubalten, über den ein geklärterer Glaube und ein 
vertieftes und erweitertes Verftändnis hinaus gewachten find, 
ebenfowenig kann man von ihnen erwarten, daß fie in den alten 
Wobnftätten weiter wohnen follen, weil ihre Vorfahren darin 
gewohnt haben. Der Lefer wird darum allen Ernftes gebeten, 
nicht zu glauben, daß die Großftädte, auf die er wohl ver 
zeihlicherweife ftolz fein mag, in ihrer gegenwärtigen Geftaltung 
von größerer Dauer find als das Poftkutfcbenfyftem, das gerade 
in dem Augenblick, wo es durch die Eifenbabn verdrängt werden 
follte, der Gegenftand fo großer Bewunderung war*). Führen 
wir unfere gewichtige Frage auf ihre Elemente zurück, fo lautet 
fie: Was verfpriebt belfere Refultate? Eine nach einem weit- 
fichtigen Plan ausgefübrte Neuanlage auf verhältnismäßig jung 
fräulichem Grund und Boden oder der Verfucb, unfere alten 
Städte unteren neueren und höheren Bedürfniften entfprechend 
umzugeftalten? Wenn man fich die Frage fo ftellt, fo kann die 
Antwort nicht zweifelhaft fein, und die auf diefe Weife gewonnene 
Erkenntnis bedeutet den fchleunigen Anfang der fozialen Re 
volution. n 
Es wird jedem einleuchten, daß genügend Grund und Boden 
in diefem Lande vorhanden ift, auf dem eine Städtegruppe, wie 
ich fie hier befchrieben habe, erbaut werden könnte, und dies 
brauchte nur mit verhältnismäßig geringer Störung gefe^lich 
gefchütjter Intereffen und infolgedeffen auch mit geringen dies 
bezüglichen Entfcbädigungsverpflicbhingen verknüpft zu fein. 
Wenn unfer erftes Experiment geglückt ift, wird es nicht 
febwierig fein, die erforderlichen öffentlich rechtlichen Befugniffe 
zu erlangen, um Land zu erwerben und die nötigen Arbeiten 
Schritt für Schritt durchzuführen. Die Graffcbaftsverwaltungen 
ftreben jet)t febon nach weiterreichenden Befugniffen, und das 
überbürdete Parlament ift mehr und mehr darauf bedacht, einen 
Teil feiner Pflichten auf diefelben abzuwälzen. Es wäre richtig, 
wenn man in der Erteilung folcher Befugniffe immer weit 
herziger würde, wenn man den lokalen Behörden in immer 
weiterem Maße Selbftverwaltung zugeftände. Alsdann wird alles, 
was mein Diagramm veranfchaulicht, leicht durchführbar fein, 
und fogar in viel vollkommenerer Weife, da künftige Pläne das 
Ergebnis von gemeinfamer, auf Erfahrung beruhender Gedanken 
arbeit fein werden. □ 
»Aber«, kann man hier einwenden, »Sie geben unumwunden 
die große Gefahr zu, die den gefetjlicb berechtigten Intereffen 
durch Ihren Plan droht; fürchten Sie nicht, dadurch diefe Inter 
effen gegen fich in Waffen zu rufen und auf diefe Weife eine 
Wandlung auf gefetjlicbem Wege unmöglich zu machen?« Ich 
*) Siebe z. B. das Eingangskapitel von »The Heart of Midlotbian« 
(Sir Walter Scott). C 
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