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Metadaten: Monatszeitschrift I (1898 / Heft 10)

wesen mit der Bedeutungslosigkeit des Vorhandenen! Wir zehren ja 
einstweilen noch von dem, was uns bessere Zeiten hinterlassen haben. 
Immerhin dürfen wir nicht mehr allzulang zusehen, wie aus den 
Sammlungen da und dort ein gutes, oft das beste Stück herausgefischt 
wird, um ins Ausland zu wandern. Sonst wird es wahr, dass die 
Bedeutung der kleineren Wiener Gemäldesammlungen nicht mehr 
ihrer Anzahl entspricht. 
Eine weitere Nahrung erhält das ungünstige Vorurtheil noch 
aus anderer Quelle. Hat doch gegenwärtig der Suchende, Wiss- 
begierige, der sich gern über den Gemäldebesitz der Hauptstadt unter- 
richten möchte, kein Buch zur Verfügung, aus dem er sich Raths 
erholen könnte. In der ersten Hälfte des]ahrhunderts war alles anders. 
An und für sich gab es weniger Gemäldesammlungen als jetzt, und das 
Aufsuchen derselben war in der noch kleinen Hauptstadt viel leichter. 
Einige allerdings unkritisch abgefasste Nachschlagebücher halfen 
nach. Gegen Ende der Sechziger-Jahre hatte man F. G. Waagens 
Buch über „Die vornehmsten Kunstdenkmäler in Wien" zur Ver- 
fügung, das alles Wichtige besprach oder wenigstens andeutete und 
bei allen Fehlern doch eine erwünschte, brauchbare Arbeit war. 
Durch die Fortschritte der neueren Kunstwissenschaft und durch die 
Auflösung vieler Sammlungen, die Waagen vorher noch als ganze 
Galerien gesehen hatte, ist es bedingt, dass sein Buch längst veraltet 
ist. Seither ist aber auf demselben Gebiete nichts Entscheidendes 
geschehen, und so steht der Wiener von heute führerlos vor einem 
Bilderreichthum, den er nicht einmal zu überblicken vermag. Da kann 
sich denn manches Vorurtheil entwickeln, das früher bei leichterer 
Übersicht unmöglich war. Ich kenne genug Stimmen aus vergangenen 
Zeiten, die es unzweifelhaft klar machen, wie man Wien ehedem für 
eine Galeriestadt ersten Ranges angesehen hat. Man fand nicht 
Lobes genug über den Gemäldereichthum Wiens?" Nun haben die 
Wiener seither allerdings eine grosse Einbusse dadurch erlitten, 
dass bedeutende Sammlungen fortgeführt worden sind, wie etwa 
die Hosefsche nach Prag (es war in den Jahren gegen 1845), die 
Esterhazy'sche nach Budapest (1869). Unvermerkt haben sich aber 
seither neue Galerien gebildet, und der Verlust ist längst wieder 
wett gemacht. Noch heute ist Wien eine Galeriestadt von grosser 
Bedeutung. 
" Seitdem dieser Artikel geschrieben worden, ist die Einleitung zu meiner Geschichte der 
Wiener Gemäldegalerien erschienen. Dort sind Belege für die Wertschätzung der Wiener Galerien 
mitgetheilt. Seither hat sich auch Manches geändert, das oben berührt worden ist. So bildet sich 
z. B. in Wien ein neues junges Mäcenatenthum heraus, was bei den grossen Ausstellungen von 1898 
zu beobachten war.
	        
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