„Sonst ist der Weg zu weit und das Essen wird kalt.“
Das sind eben Ansichten, die geeignet sind, einem das
Gruseln zu lehren. Nehmen wir einmal eine Haustiefe
von 23 m an. Das Speisezimmer läge vorne und hätte
eine Tiefe von 6 m. Die Küche wäre ganz rückwärts und
wäre 4 m, der Anrichteraum 2 m tief. So bleibt von
diesem bis zur Speisezimmertür ein Weg von um übrig,
das sind einige wenige Gehsekunden. Um diesen Weg zu
ersparen,, wollen unsere Hausfrauen die Küche lieber um
mittelbar neben dem Speisezimmer haben, natürlich ohne
jedes Zwischenglied, ohne Anrichteraum und so, daß man
vom Vorzimmer direkt in die Küche gelangen kann. Die
Folge davon ist, daß natürlich jede Speise sofort im
ganzen Hause zu riechen ist. Es ist nichts dagegen eim
zuwenden, wenn die Küche neben oder in die Nähe des
Speisezimmers gelegt wird, dann muß aber auch ein Am
richteraum nicht schematisch, sondern sinngemäß so da^
zwischen gelegt werden, daß bei geöffneter Küchentür
noch ein Abschluß gegen die Halle und das Speise^
zimmer vorhanden ist. In den seltensten Fällen besteht ein
vom Haupteingang ganz abgesonderter Nebeneingang mit
Treppe, um für die Köchin, die Dienstleute, für den
ganzen Wirtschaftsbetrieb einen eigenen Weg zu schaffen.
Meist müssen die Dienstmädchen über dieselbe Treppe
wie die Herrschaft gehen, wenn sie zu ihren Zimmern
gelangen wollen. Vom Vorzimmer führen dann oft ein
oder mehrere dunkle schlauchartige Gänge, gewöhnlich
Passagen genannt, zu den Wohnräumen, also wieder um
nötige, unfreundliche Einrichtungen. Das Charakteristische
bei den jetzt betrachteten schlechten Landhäusern liegt in
Größe, Einteilung und Situierung der Zimmer. Ich mochte
gleich hier bemerken, daß aus dem Zinshause oftmals
noch die Unterscheidung zwischen Zimmer und Kabinett
mit herübergenommen wurde. Kabinette sind nämlich
Zimmer mit einem Fenster, im Zinshause und vielfach
auch bei unseren Landhäusern so klein, daß man, um es
recht drastisch darzustellen, das Fenster aufmachen muß,
um sich den Rock anziehen zu können. Diese kleinen,
engen, unbequemen Kabinette rühren wieder von dem
Wohnungswucher her, durch den so viele Räume als nur
möglich geschaffen werden sollen, um den Ertrag so hoch
als nur möglich zu steigern. Bequemlichkeit und Wohm
lichkeit spielen dabei natürlich keine Rolle.
In den meisten Fällen sind die Zimmer so situiert
und dimensioniert, daß die Villen nicht ländliche Wohm
häuser mit traulichen, gemütlichen Wohnräumen sind,
sondern Schauobjekte, die von außen und von innen
dem „Besucher“ (dieses Wort ist besonders beliebt) mit
Faustschlägen den Besitzer als reichen Mann zeigen sollen,
die glänzen und funkeln und alles zur Schau stellen
sollen, was geeignet ist, Vermögen und Wohlhabenheit
zu demonstrieren oder auch vorzuspiegeln. Daher kommt
es, daß die sogenannten „Repräsentationsräume“ die Haupt'
rolle spielen, in denen sich doch meist Fremde bewegen,
daß diese an die schönsten Stellen des Hauses gelegt
werden, während die Wohm und Schlafräume verküm'
mert, sonnenlos, eng und ungemütlich sind und dorthin
gebracht werden, wo sie nach Unterbringung jener Reprä'
sentationsräume gerade noch Platz finden. Es handelt
sich den Leuten nicht darum, die Räume nach den Welt'
gegenden entsprechend zu situieren, es ist dabei die Haupt'
sache, diese Räume so zu legen, daß gegen die Straße
eine imponierende, prunkvolle Fassade entsteht. Ist diese
Straßenseite Sonnenseite, so hindert dies jene Herren
durchaus nicht, dem Architekten aufzudrängen, daß dahin
diese famosen Gesellschaftsräume gelegt werden, das hin'
dert sie durchaus nicht, die Wohn', Schlaf' und Kinder'
zimmer gegen Nord und West zu verlegen.
Es ist selbstredend, daß in jeder solchen Villa ein
„Salon“ verkommen muß; dieser ist im Winter nicht
geheizt, nur wenn Gäste kommen, da tritt er in Funk'
tion. Geht aber sonst irgend ein Ahnungsloser in diesen
Raum, so schauert er vor Kälte zurück und ist ganz er'
schreckt durch die geisterhaft aussehenden, mit Leinwand
überzogenen Möbel, deren Hüllen erst abgezogen werden,
wenn wieder Fremde angekündigt sind. Zum Wohnen
ist dieser Raum natürlich nicht zu brauchen und wird
dazu auch nicht benützt, aber er muß da sein, das ist
man seinem Renommee schuldig und dieses spielt keine
geringe Rolle bei den in Frage stehenden Villenbesitzern.
Wenn der Bauherr beim Verfassen des Baugedam
kens in besonderer Laune ist, so wird das Vorzimmer
zur Halle ausgebildet, die womöglich durch zwei Stock'
werke geht, aber nicht im mindesten dem gleicht, was
dem gefühlvollen Architekten als Halle vorschwebt.
Das Äußere der jetzt behandelten Häuser sieht recht
trostlos aus, obzwar die Laien von den Außenansichten
unserer Villen entzückt sind. Es wirft dies ein Licht auf
das Kunstverständnis unseres Publikums! So wie diese
Häuser im Inneren verschlechterte Abklatsche schlechter
Zinshäuser sind, so verhält es sich auch mit dem Äußeren.
Säulenordnungen und PHaster, große Architekturen von
Monumentalbauten en miniature, Skulpturen, weit aus'
ladende, ohne Verständnis angebrachte Gesimse und Ver'
dachungen, alles in Gips und Stuck auf die Fassade ge'
klebt, dies ist so im allgemeinen das Drum und Dran
der Außenansichten unserer Villentypen. (Ich bemerke,
daß ich fortwährend das Wort „Villa" gebrauche. Mir ist
das Wort „Landhaus“ zuschade für die Gebäude, die ich
jetzt bespreche.) Der Grundriß wird fast stets ganz ohne
Rücksicht auf gute Einteilung so gestaltet, daß recht viele
ein' und ausspringende Ecken entstehen, die Anlaß zu
komplizierter Dachausbildung geben (selbstverständlich
sind alle Dachixen in Blech gedeckt und alle Rinnen als
Saumrinnen statt als einfache Hängerinnen behandelt).
Türmchen, Erker an den unmöglichsten Stellen, ganz
sinnlos und unintelligent angebracht, Dachwalme und
Spitzen im Überfluß, Knäufe, Fahnen, Morgensterne etc.
etc., all dies ist im bunten ekelerregenden Wust über' und
nebeneinander angeordnet, was von den besonders poetisch
empfindenden Sonderlingen als romantisch angesehen wird.
Über den Garten solcher Häuser sollte man eigentlich
gar nicht reden. Der Garten soll mit dem Hause ein
Ganzes bilden; hier ist er aber von dem „Gartenarchi'
tekten“ und Kunstgärtner derart hergerichtet, daß er mit
dem Hause überhaupt nicht verwandt ist und wie das
Gebilde eines halb Irrsinnigen aussieht. Jeder Garten
muß nämlich auf einmal Park, Wildnis, Grotten, Tempel,
Landschaften, Wasserwerke mit Springbrunnen, Hoch'
gebirgslandschaften etc. enthalten, er muß die Romantik
versinnbildlichen, die den eben genannten Künstlern im
Hirn spukt, er muß „belebt“ werden durch Zwerge, Wild,
Kaninchen, Doggen, Rotkäppchen mit dem Wolf, Störche,
Riesenpilze und anderes Zeugs mehr. Diesen „Künstlern“
fällt es nie ein, daß das Haus nicht nur im Garten liegen,
sondern, da es zu ihm gehört, auch mit diesem als archi'
5