S o oft bei uns Jemandem der Rat gegeben wird, ein
Landhaus zu bauen, hören wir stets dasselbe: „Aber
Sie wissen ja: Zwei glückliche Tage; Einziehen —
Ausziehen.“ Darnach bringt also ein Landhaus, oder
wie es hier üblich heißt, eine Villa, zwei Vergnügungen:
Das Einziehen und das Ausziehen. Und diese Meinung
ist bei uns ziemlich allgemein. Eigentlich ist sie auf
Grund der Erfahrungen, die sich unser großes Publikum
verschafft hat, gar nicht so ungerechtfertigt. Dieses große
Publikum kennt eben nur den weitaus überwiegenden
Teil unserer Villen, welche mit wenigen Ausnahmen
wirklich sehr schlecht sind und bei denen die Freude des
Einziehens durch jene überboten wird, die der glückliche
Villenbesitzer beim Ausziehen empfindet. — Unsere men-
sten Villen sind nichts anderes als eine aufs Land über^
tragene, sehr schlechte Zinshaustype, sie sind Zinshäuser
oder Palastschemen miserabler Art ins Kleine oder wie
ihre Erbauer glauben, ins „Ländliche“ übertragen. Unsere
Zinshäuser in den Großstädten sind in ihrer größten Zahl
unverstandene Produkte des gemeinsten Unternehmer^
und Spekulantentums, sie sind nicht Gemeinschaften
guter, gesunder Wohnungen, sondern Auswüchse des
Rentabilitätsgedankens, Folgen der hohen Hauszinssteuer
und Gebühren, mißgestaltete Kinder unkünstlerisch den
kender, verständnisloser Erbauer und Bauwucherer. Und
mit den Villen und Landhäusern sieht es nicht besser
aus, meist sogar noch trostloser, so unglaublich dies auch
klingen mag. Unsere Grund- und Bauwucherer haben sich
auf diesem Gebiete eine Zeitstimmung zunutze gemacht:
den Zug nach dem Lande, die Sehnsucht nach der freien,
ewig schönen Natur; sie haben diese gesunde Sehnsucht
im Keime zu ersticken versucht, nicht bewußt, sondern
unbewußt, denn sie wollten ja auch sie zu Geld machen,
in Geschäfte umsetzen, aber mit plumpen, rohen Fäusten
haben sie in diese gesunde Bewegung eingegriffen, um
aus ihr Nutzen zu ziehen und sie in blanke Münze um
zusetzen. So sind jene Mißgeburten, jene Landhauskari
katuren entstanden, jene Zinsvillen, die nichts weniger
sind als wohnliche, trauliche, anheimelnde Stätten ge
sunden, freudevollen Wohnens. Sie wollten nicht gute
Wohnungen schaffen, sondern ertragsreiche Objekte bauen,
sie wollen den nachmaligen Besitzern nicht zu halbwegs
mäßigen Preisen Gelegenheit bieten, in einem gemütlichen
Heim mit Garten zu leben, sondern ihnen Häuser auf
bürden, die sie teuer bezahlen müssen und bei denen die
größte Freude im Ausziehen besteht. Diese Ehrenmänner
haben es sehr schlau angestellt: Die ersten Parzellen in
unbebauten Gebieten wurden billig bebaut und billig her
gegeben, die nächsten aber stiegen hoch im Preise und
wurden für teures, schlecht angelegtes Geld verkauft. Sie
brauchten und brauchen weiter keine tüchtigen Architekten
für den Bau; ein obskurer Mensch, der Lineal und Blei
stift halten kann, der Rentabilitäts- und V erkaufswert ver
steht, ist die beste Persönlichkeit für sie, denn erstens
ist er billig zu haben und zweitens versteht er nichts von
Einrichtungen, die zwar zum Wohnen gut und notwendig
sind, aber Geld kosten und daher für den Unternehmer
nicht zu brauchen sind. In vielen Fällen wird der Bau
und die Ausführung der Pläne einem Baumeister über
geben, der natürlich wie gewöhnlich sein Zinshausschema
hernimmt und ein Zinshaus en miniature herstellt, das
dann Villa genannt wird. Um den Vorbeigehenden darauf
aufmerksam zu machen, daß dies Haus eine Villa ist,
wird an irgend einem auffallenden Eck das Wort „Villa“
und gewöhnlich ein Name dazu angebracht. Es existieren
Mengen von Vorlagen werken für solche Häuser, aus
diesen schöpft die rege Phantasie solcher Erbauer und
bringt ein neues, glorioses Werk zusammen. Ein Blick
auf unsere Villenviertel zeigt, daß all das bisher Gesagte
keine Übertreibung, sondern leider traurige Wahrheit ist.
Langsam, aber sehr langsam fängt es jetzt an besser
zu werden. Diese Besserung ist durch verständige, künst
lerisch und praktisch denkende Architekten angebahnt
worden, die das Publikum aufklären und an der Hand
guter Beispiele diese Aufklärung illustrieren und durch
führen. Sie haben schon viel Gutes erzielt und es ist zu
erhoffen, daß unser Publikum immer mehr und mehr
Verständnis für den Wert und die Vorteile des Landlebens
zeigen und den Aufklärungen und Ratschlägen gediegener
Art williger Gehör als bis jetzt schenken wird. Langsam
beginnt ein richtiges Verständnis für den Zweck und die
richtige Art eines Landhausbaues aufzudämmern. Jeder
vernünftige Architekt lenkt in Fragen des Landhausbaues
den Blick auf die vorbildlichen Gebäude dieses Gebietes,
die sich vorwiegend in England und von diesem beein
flußt in Deutschland vorfinden, und empfiehlt seinem
Bauherrn, die schönen und lehrreichen Bücher „Landhaus
und Garten“ von Muthesius oder „Das Einzelwohnhaus
der Neuzeit“ von Häh nel und Tscharmann oder andere
derartige Werke zu studieren und zu sehen, welch präch
tige Landhäuser im Auslande gebaut werden, wie wohl
es tut, guten Beispielen richtig folgend, zu Ergebnissen
zu kommen, die ohne diese Vorbilder nie erreicht worden
wären, aber nicht auf dem Wege geistlosen Kopierens,
sondern auf dem Wege der organischen Weiterentwicklung,
nicht dadurch, daß ein englisches Landhaus beispielsweise
an die Riviera versetzt wird, sondern daß sein Wert, die
Logik seiner Einteilung erkannt und die Folgen dieses
Erkennens von uns aufgenommen, vom Zwecke und dem
Wohnbedürfnisse beeinflußt und dann in die richtige,
nur für diesen einen Fall brauchbare Form gebracht
werden. Indem ich in diesem Buche gute Beispiele öster
reichischer neuer Landhäuser anführe, hoffe ich, auch
einen Teil der so notwendigen Aufklärung unserem
Publikum zu geben.
Der Vergleich unserer meisten, in der bisherigen
Art erbauten Villen mit den vorbildlichen Beispielen des
Auslandes zeigt, wie armselig wir uns auf diesem Gebiete
fühlen müssen, wie weit wir zurückstehen, ruft aber auch
die Sehnsucht wach, ebensolche Vertreter von Landhäusern
wie jene zu haben, aber nicht in so wenigen Exemplaren,
wie dies bis jetzt der Fall ist, sondern als Gemeingüter
unserer Völker. Dabei drängt sich uns die Erkenntnis
auf, daß die Engländer, Reichsdeutschen, Skandinavier,
Dänen etc. mit verhältnismäßig geringeren Mitteln viel,
viel mehr haben, als wir uns nur mit schwerem Gelde
schaffen können. Jene verwenden eben ihr Geld auf
Einrichtungen, die notwendig sind und das Haus traulich,
gemütlich, wohnlich machen, während es bei uns für un
nütze Dinge ausgegeben wird, für vorgespiegelte Pracht,
für unnötigen, unwahren Prunk. Bei uns sind jene Räume
Hauptsache, mit denen geprotzt werden kann, wenn Be
sucher kommen, während die Wohnräume ärmlich, nüch
tern unwohnlich und im Schatten gelegen sind, sonnen
los und kalt. Jene Villen sind wirkliche Familienhäuser
bester Art, unsere hingegen kleine Zinshäuser schlimmster
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