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Full text: Neue Landhäuser und Villen in Österreich

S o oft bei uns Jemandem der Rat gegeben wird, ein 
Landhaus zu bauen, hören wir stets dasselbe: „Aber 
Sie wissen ja: Zwei glückliche Tage; Einziehen — 
Ausziehen.“ Darnach bringt also ein Landhaus, oder 
wie es hier üblich heißt, eine Villa, zwei Vergnügungen: 
Das Einziehen und das Ausziehen. Und diese Meinung 
ist bei uns ziemlich allgemein. Eigentlich ist sie auf 
Grund der Erfahrungen, die sich unser großes Publikum 
verschafft hat, gar nicht so ungerechtfertigt. Dieses große 
Publikum kennt eben nur den weitaus überwiegenden 
Teil unserer Villen, welche mit wenigen Ausnahmen 
wirklich sehr schlecht sind und bei denen die Freude des 
Einziehens durch jene überboten wird, die der glückliche 
Villenbesitzer beim Ausziehen empfindet. — Unsere men- 
sten Villen sind nichts anderes als eine aufs Land über^ 
tragene, sehr schlechte Zinshaustype, sie sind Zinshäuser 
oder Palastschemen miserabler Art ins Kleine oder wie 
ihre Erbauer glauben, ins „Ländliche“ übertragen. Unsere 
Zinshäuser in den Großstädten sind in ihrer größten Zahl 
unverstandene Produkte des gemeinsten Unternehmer^ 
und Spekulantentums, sie sind nicht Gemeinschaften 
guter, gesunder Wohnungen, sondern Auswüchse des 
Rentabilitätsgedankens, Folgen der hohen Hauszinssteuer 
und Gebühren, mißgestaltete Kinder unkünstlerisch den 
kender, verständnisloser Erbauer und Bauwucherer. Und 
mit den Villen und Landhäusern sieht es nicht besser 
aus, meist sogar noch trostloser, so unglaublich dies auch 
klingen mag. Unsere Grund- und Bauwucherer haben sich 
auf diesem Gebiete eine Zeitstimmung zunutze gemacht: 
den Zug nach dem Lande, die Sehnsucht nach der freien, 
ewig schönen Natur; sie haben diese gesunde Sehnsucht 
im Keime zu ersticken versucht, nicht bewußt, sondern 
unbewußt, denn sie wollten ja auch sie zu Geld machen, 
in Geschäfte umsetzen, aber mit plumpen, rohen Fäusten 
haben sie in diese gesunde Bewegung eingegriffen, um 
aus ihr Nutzen zu ziehen und sie in blanke Münze um 
zusetzen. So sind jene Mißgeburten, jene Landhauskari 
katuren entstanden, jene Zinsvillen, die nichts weniger 
sind als wohnliche, trauliche, anheimelnde Stätten ge 
sunden, freudevollen Wohnens. Sie wollten nicht gute 
Wohnungen schaffen, sondern ertragsreiche Objekte bauen, 
sie wollen den nachmaligen Besitzern nicht zu halbwegs 
mäßigen Preisen Gelegenheit bieten, in einem gemütlichen 
Heim mit Garten zu leben, sondern ihnen Häuser auf 
bürden, die sie teuer bezahlen müssen und bei denen die 
größte Freude im Ausziehen besteht. Diese Ehrenmänner 
haben es sehr schlau angestellt: Die ersten Parzellen in 
unbebauten Gebieten wurden billig bebaut und billig her 
gegeben, die nächsten aber stiegen hoch im Preise und 
wurden für teures, schlecht angelegtes Geld verkauft. Sie 
brauchten und brauchen weiter keine tüchtigen Architekten 
für den Bau; ein obskurer Mensch, der Lineal und Blei 
stift halten kann, der Rentabilitäts- und V erkaufswert ver 
steht, ist die beste Persönlichkeit für sie, denn erstens 
ist er billig zu haben und zweitens versteht er nichts von 
Einrichtungen, die zwar zum Wohnen gut und notwendig 
sind, aber Geld kosten und daher für den Unternehmer 
nicht zu brauchen sind. In vielen Fällen wird der Bau 
und die Ausführung der Pläne einem Baumeister über 
geben, der natürlich wie gewöhnlich sein Zinshausschema 
hernimmt und ein Zinshaus en miniature herstellt, das 
dann Villa genannt wird. Um den Vorbeigehenden darauf 
aufmerksam zu machen, daß dies Haus eine Villa ist, 
wird an irgend einem auffallenden Eck das Wort „Villa“ 
und gewöhnlich ein Name dazu angebracht. Es existieren 
Mengen von Vorlagen werken für solche Häuser, aus 
diesen schöpft die rege Phantasie solcher Erbauer und 
bringt ein neues, glorioses Werk zusammen. Ein Blick 
auf unsere Villenviertel zeigt, daß all das bisher Gesagte 
keine Übertreibung, sondern leider traurige Wahrheit ist. 
Langsam, aber sehr langsam fängt es jetzt an besser 
zu werden. Diese Besserung ist durch verständige, künst 
lerisch und praktisch denkende Architekten angebahnt 
worden, die das Publikum aufklären und an der Hand 
guter Beispiele diese Aufklärung illustrieren und durch 
führen. Sie haben schon viel Gutes erzielt und es ist zu 
erhoffen, daß unser Publikum immer mehr und mehr 
Verständnis für den Wert und die Vorteile des Landlebens 
zeigen und den Aufklärungen und Ratschlägen gediegener 
Art williger Gehör als bis jetzt schenken wird. Langsam 
beginnt ein richtiges Verständnis für den Zweck und die 
richtige Art eines Landhausbaues aufzudämmern. Jeder 
vernünftige Architekt lenkt in Fragen des Landhausbaues 
den Blick auf die vorbildlichen Gebäude dieses Gebietes, 
die sich vorwiegend in England und von diesem beein 
flußt in Deutschland vorfinden, und empfiehlt seinem 
Bauherrn, die schönen und lehrreichen Bücher „Landhaus 
und Garten“ von Muthesius oder „Das Einzelwohnhaus 
der Neuzeit“ von Häh nel und Tscharmann oder andere 
derartige Werke zu studieren und zu sehen, welch präch 
tige Landhäuser im Auslande gebaut werden, wie wohl 
es tut, guten Beispielen richtig folgend, zu Ergebnissen 
zu kommen, die ohne diese Vorbilder nie erreicht worden 
wären, aber nicht auf dem Wege geistlosen Kopierens, 
sondern auf dem Wege der organischen Weiterentwicklung, 
nicht dadurch, daß ein englisches Landhaus beispielsweise 
an die Riviera versetzt wird, sondern daß sein Wert, die 
Logik seiner Einteilung erkannt und die Folgen dieses 
Erkennens von uns aufgenommen, vom Zwecke und dem 
Wohnbedürfnisse beeinflußt und dann in die richtige, 
nur für diesen einen Fall brauchbare Form gebracht 
werden. Indem ich in diesem Buche gute Beispiele öster 
reichischer neuer Landhäuser anführe, hoffe ich, auch 
einen Teil der so notwendigen Aufklärung unserem 
Publikum zu geben. 
Der Vergleich unserer meisten, in der bisherigen 
Art erbauten Villen mit den vorbildlichen Beispielen des 
Auslandes zeigt, wie armselig wir uns auf diesem Gebiete 
fühlen müssen, wie weit wir zurückstehen, ruft aber auch 
die Sehnsucht wach, ebensolche Vertreter von Landhäusern 
wie jene zu haben, aber nicht in so wenigen Exemplaren, 
wie dies bis jetzt der Fall ist, sondern als Gemeingüter 
unserer Völker. Dabei drängt sich uns die Erkenntnis 
auf, daß die Engländer, Reichsdeutschen, Skandinavier, 
Dänen etc. mit verhältnismäßig geringeren Mitteln viel, 
viel mehr haben, als wir uns nur mit schwerem Gelde 
schaffen können. Jene verwenden eben ihr Geld auf 
Einrichtungen, die notwendig sind und das Haus traulich, 
gemütlich, wohnlich machen, während es bei uns für un 
nütze Dinge ausgegeben wird, für vorgespiegelte Pracht, 
für unnötigen, unwahren Prunk. Bei uns sind jene Räume 
Hauptsache, mit denen geprotzt werden kann, wenn Be 
sucher kommen, während die Wohnräume ärmlich, nüch 
tern unwohnlich und im Schatten gelegen sind, sonnen 
los und kalt. Jene Villen sind wirkliche Familienhäuser 
bester Art, unsere hingegen kleine Zinshäuser schlimmster 
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