Was den zweiten Fund betrifft, so danken wir auch ihn dem rastlosen
Eifer des Herrn Graf, welcher auf meinen Plan, in Aegypten die
Griechen- und Römergräber nachchristlicher Zeit auszuforschen,
bereitwillig eingieng und denselben mit grossen Opfern nach fast
dreijährigem Bemühen zur glänzenden Erfüllung brachte. Die Vorhersagung,
dass durch die Auffindung solcher Gräber, der die textile Kunst
des Alterthums vor den Augen der modernen Forschung verbergende
Schleier gelüftet werden würde, hat sich bewahrheitet. Wenn auch die
Localität der entdeckten Gräberstätte aus verschiedenen Gründen noch unser
Geheimniss bleiben muss, so ist doch wenigstens — und das ist ein- ungeheurer
Gewinn — das Geheimniss der kunstindustriellen Bewegung
einer grossen Culturepoche in der ersehnten Richtung endlich geoffenbart.
Denn durch unsern Fund wird über die textile Glanzperiode Aegyptens
vom circa 3. bis in das 9. Jahrhundert n. Chr. ein aufklärendes Licht
geworfen.
In dem vorliegenden Katalog erscheinen selbstverständlich nur jene
Fundobjecte verzeichnet, welche in den beiden Sälen zur Ausstellung untergebracht
werden konnten. Die gleichfalls nur zum Theil exponirten textilen
Gräberfunde gehen hier, weil chronologisch mit einer früheren Zeit
beginnend, voraus. Jeder Fachmann weiss, welche Schwierigkeiten Textilgegenstände
einer Katalogisirung bereiten und wird zugeben, dass dieselben
nur noch gesteigert werden, wenn, wie im vorliegenden Falle, ein
plötzlich auftauchendes colossales Material in völlig fremder Erscheinung
erkannt, bestimmt und möglichst schnell beschrieben werden soll. Wenn
mir auch längst vorausgegangene Quellenstudien diese Arbeit einigermassen
erleichtert haben, so muss ich doch bekennen, dass noch Zweifel der
Lösung harren. So wird z. B. erst nachträglich eine mikroskopische
Untersuchung lehren, inwieweit die Bestimmung gewisser durch Alter
und Moder hergenommenen Stoffgattungen — ob Baumwolle oder Linnen
— dem unbewaffneten Auge gelungen sei. Im Uebrigen hoffe ich, so weit
es eben Zeit und Umstände gestatteten, mit diesem raisonnirenden Katalog
einen brauchbaren Führer durch die Ausstellung geschaffen zu haben.
WIEN, im April 1883.
Der Verfasser.