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Volltext: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

und geht über ihn hinweg. Sie wird seinem Schönheitsgefühl 
erst vertraut, wenn er ihren Gegensatz, die Kunst, in ihr 
verwebt. Was der Mensch aus der Natur herausliest, ist 
das mögliche oder ermöglichte Menschenwerk, von der 
Ackerfurche und vom Feldzaun bis zu den kunstgeweihten 
Tempeln. Die Baukunst ist das Prinzip, auf das der Mensch 
die unreale Wirklichkeit seiner Phantasiewelt begründet. 
DAS KLEID. Das Kleid sei organisch, das heißt, es lasse 
der natürlichen Bewegung des Menschen jede Freiheit. Das 
Kleid ist künstlerisch, wenn es organisch ist und zugleich 
der Körperform entgegenwirkt, sie gleichsam auflöst. Das 
griechische Gewand ist in diesem Sinne künstlerisch; ein 
unerschöpfliches Widerspiel der Gewandfalten und des 
darunter befindlichen Körpers und so organisch, daß es keine 
Bewegung hemmt oder unedel macht. Das griechische Gewand 
hat Stil. Das moderne Frauenkleid hat noch alle künstlerische 
Möglichkeit, weil es die Taille negiert, der Körperform 
widerspricht und diese gerade dadurch ausdrucksvoll macht. 
GARTENKUNST. Sie ist die augenfälligste und glücklichste 
Negation der willkürlichen Natur. Der naturalistische Garten, 
der die willkürliche Natur im kleinen Rahmen nachahmen 
will, bleibt stets eine klägliche Karikatur. Die Kunst will 
auch im Garten einen Gegensatz zur Natur schaffen. Sie ver^ 
wendet die Pflanzen nach dem architektonischen Prinzip, das 
den Ausdruck der menschlichen Illusion festigt. Sie gibt 
Bäumen und Büschen die Gestalt von Kugeln, Kegeln und 
Würfeln als Architekturbestandteilen, bildet aus Pflanzenwuchs 
gründämmerige Wände und Nischen, die sie mit dem Lächeln 
der Faune, der Kühnheit der Heroen und der Melodie der 
Brunnen erfüllt. Aus Blumen bringt sie Farbenströme hervor, 
in bunten Gleichnissen das Blau der Ferne, das Gelb und 
Rot des Morgen^ und Abendhimmels in weiten Beeten abzu^ 
spiegeln. Sie setzt das geheimnisvolle Schweigen der Sphinxe als 
Hüterinnen an die obersten Stufen, die sehnsüchtig auf und 
nieder gleiten. In steinumfaßten Wasserspiegeln zieht sie die 
huschenden, sonndurchglänzten Wolkenbilder in den Garten 
grund und zwingt das flüssige Element in kunstvollen Strahlen 
gleichsam aus scherzender Laune emporzuschießen. Im Gegen 
satz zu dieser spielenden Heiterkeit, gekrönt von der Gesellig 
keit des Wohnhauses, legt sie weiterhin an das untere Ende 
des Gartens als dunklen Saum den Ernst der Bluteschen, wo 
das Raunen und Stöhnen des Windes wohnt und fern am 
Horizont aus der abschließenden Gartenmauer die Einsamkeit 
eines Turmes die Wipfel überragt. 
Bis hieher reicht der herrliche Triumph der schönen Garten 
kunst, schön in der Selbstherrlichkeit machtvollen, mensch 
lichen Ermessens. 
DAS THEATER. Die Bühne ist die berufene Schatzhüterin der 
künstlerischen Illusion, die über banale Wirklichkeit trium 
phiert. Aber im heutigen naturalistischenTheater mit dem Guck 
kasten einer banalen Wirklichkeit ist die Schatzhüterin zur 
gemeinen Stallmagd herabgesunken, die jeden Unrat des engen 
aussichtslosen Wirklichkeitsbereiches zu einem Düngerhaufen 
aufzukehren sucht. Dieses naturalistische Theater mit den 
täuschenden Fälschungen von Wirklichkeitserscheinungen hat 
keine Aussicht auf Erhebung, es muß mit seinen Reporter 
stücken gewissermaßen hinter der viel originelleren alltäglichen 
Wirklichkeit Zurückbleiben. Die Reportage auf der Bühne in 
bezug auf Kostüme, Ausstattung, Worte, Handlungen ist das 
Zeichen des Verfalles der Bühne als Kunstwerk. Die Bühne 
wird sich aus diesem Verfall wieder heben, wenn der Guck 
kasten mit dem Panoptikuminhalt abgeschafft und die 
aussichtslose pfründnerhafte Konkurrenz mit der gemeinen 
Wirklichkeit aufgegeben ist. Das Dekorationswesen des 
Theaters muß wieder zur Architektur zurückkehren, Bühne 
und Zuschauerraum als architektonische künstlerische Ein 
heit wie das antike Theater oder der Schauplatz der Mysterien 
Die Kirche ist mit dem antiken Theater viel verwandter als 
die heutige Bühne. Wir wollen wie die Edelleute zu Shake 
speares Zeiten alle auf der Bühne sitzen, darum sei der ganze 
Zuschauerraum Teil der Bühne, wie in der Kirche die Apsis 
als Ort der mystischen Handlung ein architektonisch ein 
heitlicher Teil der Kirche ist. In einem solchen Theater sei 
Raum für die Bewegungsfreiheit der Zuschauer, herrliche 
Kunstwerke seien darin aufgestellt, gleichsam aus der Archi 
tektur hervorwachsend, zwischen Blumen und Lorbeerbäumen, 
wie es mit allerdings verbrauchten Requisiten noch immer 
in der Kirche geschieht. Die theatralische Handlung werde 
wieder zum bedeutungsvollen Mysterium, Licht, Farbe, Form, 
Bewegung, Worte, als Malerei, Plastik, Tanz, Dichtung, Musik 
zu einer ausdrucksreichen architektonischen Einheit verbunden. 
Es ist nur ein kleiner Schritt weiter, die Zuschauer in die 
Handlung einzubeziehen, wie es die Kirche bei ihren Theater 
aufführungen, den österlichen Festen, Fronleichnam etc. in 
Form von Aufzügen immer noch tut. Je mehr sich das 
Theater von dem naturalistischen Abklatsch entfernt, desto 
mehr wird es von dem Lebensgefühl in seinen künstlerischen 
Kreis ziehen und desto stärker wird es auf das Leben zu 
rückwirken. 
Die unerhörtesten Wirkungen stehen dem Theater zu Ge 
bote, wenn es sich der Wirklichkeit bewußt widersetzt. In 
der Wirklichkeit ist alles banal, in der Illusion, dem Wider 
spruch der Wirklichkeit, ist alles gesteigert. Der Wirklichkeit 
gelingt nichts, der Phantasie alles. Das Theater der Illusion 
ist befähigt, jedes Gefühl, jedes Geheimnis, jede Angst, jeden 
Kontrast, das Niegesehene sichtbar zu machen, eine Wirk 
lichkeit, die ist und nicht ist. 
DER TANZ. Den berühmtesten Tänzerinnen ist jede Glieder 
puppe überlegen. Archäologie, griechische Pose, Gainsborough, 
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