Darftellung der Wirkfamkeit der Mufeen für Kunftgewerbe
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einem und demfelben Punkte einer Meinung waren. Wir wollen uns daher hüten,
auch nur einzelne Grundfätze aus der Maffe der zu Tage geförderten Meinungen
hervorzuheben
Für die Ueberficht der Befchlüffe fei es geftattet, hier das Specialprogramm
der Generaldiretflion für Gruppe XXII einzufchalten. Es lautet:
„Zu den Bildungsanftalten der Neuzeit, die fich am fchnellften bewährt
haben, gehören unftreitig die Kunftgewerbe - Mufeen und faft jeder ftaatliche
Mittelpunkt befitzt fchon ein derartiges Inftitut. Diefe Thatfache allein dürfte
hinreichen, um den Verfuch einer Darftellung ihrer Wirkfamkeit zu recht-
fertigen.
„Durch ihre Ziele fowohl als durch ihre Erfolge liehen diefe Anftalten
mitten zwifchen dem wirklichen Leben und den abftradlen Theorien ; fie ver
mitteln fozufagen die Vergangenheit und Zukunft unferer kunftgewerblichen Ent
wicklung und mahnen unwillkürlich an die geiftvolle Bemerkung eines deutfchen
Gelehrten, der Ausdruck Kunft fei keineswegs aus Einer Wurzel entftanden, viel
mehr auf zwei Stammwörter zurückzuführen, auf: Kennen und Können.
„Die hervorragende Stellung, welche die moderne Kunftinduftrie feit weni
gen Jahren einnimmt, liefert in der That den bellen Beweis für die Richtigkeit
der angeführten Bemerkung. Wohl kann die forgfältige Behandlung der verfchie-
denen Rohftoffe, die Verwendung fmnreich conftruirter Mafchinen Fachleute
befriedigen und erfreuen; kommt aber bei all’ den auf folche Art entftandenen
Erzeugniffen zur Technik nicht das Moment einer gefchmackvolleren Ausführung
oder Ausfchmückung hinzu, fo ift man wohl kaum berechtigt, von einer Veredlung
des Gewerbes zu fprechen. Einer der nennenswertheften Fortfehritte auf dem
Gebiete des Gewerbes datirt von dem Zeitpunkte, wo man darauf Bedacht nahm,
den reichen, nur zu lange unbenütztefl Culturfchatz früherer Jahrhunderte forg-
fältig zufammenzuftellen, Mufterfammlungen anzulegen, die von unferen emfigen
Vorfahren in einzelnen Zweigen der Kunftinduftrie und der forgfam gepflegten
Kleinkunft erzielten Fortfehritte wieder aufzunehmen und organifch fort
zubilden
„Die technifche Fertigkeit, mit der irgend ein Objecft erzeugt wird, genügt
eben nicht zur Herftellung eines den Anforderungen kunftfmniger Käufer ent-
fprechenden Gegenftandes; ein feines Verftändnifs der zu löfenden Aufgabe, ein
richtiges Gefühl für die ihr am meiften entfprechende Form, kurz Gefchmack in
Erfindung und Ausführung jedes Artikels find für das gewerbliche Schaffen unbe
dingt mafsgebende Fadloren geworden und ihre Berückfichtigung allein erhebt
den Gegenftand zum Range eines kunftgewerblichen, das heifst nicht blos zweck-
mäfsigen, fondern ■'auch den Gefchmack befriedigenden Objedles.
„Diefer Erkenntnifs verdanken auch wohl zumeift jene Gewerbefchulen und
kunftgewerblichen Bildungsanftalten ihr Entliehen, welche, unter der Leitung
erprobter Kunftkenner mit ftets wachfendem Erfolge dem ererbten Herkommen
gedankenlofer Routine in der Thätigkeit der Gewerbetreibenden entgegen
arbeiten.
„In einem noch höheren Grade aber beruht die Gründung der Mufeen für
Kunftgewerbe, diefer kunftgefchichtlichen Schatzkammern, auf der richtigen
Erkenntnifs des veredelnden Einfluffes der Kunft auf die Induftrie. Von diefem
Standpunkte aus wollen die Verdienfte der eben fo reich bedachten, als gemein
nützigen Kunftgewerbe-Mufeen in Paris, London, Edinburgh, Moskau, Berlin,
Stuttgart, München, Weimar, Gotha, Limoges, Lyon u. a. m. gewürdigt werden.
An diefe reihen fich dann paffend jene Mufeen an, die zwar nicht diredl Kunft
und Kunftgewerbe fördern, die aber, indem fie wiffenfchaftliche oder ftatiftifche
Zwecke verfolgen, indiredl gleichen Zwecken dienen. Auch diefe Inftitute find
ein Produ(5l der modernen Culturbeftrebungen, wie z. B. das germanifche Mufeum
in Nürnberg, das römifch-germanifche in Mainz, das Mufeum Wallraft-Richartz in
Cöln, die Mufeen in Havre, Amiens, Touloufe u. a. m.