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Full text : Das bürgerliche Wohnhaus (Gruppe XIX). Die nationale Hausindustrie (Gruppe XXI). Darstellung der Wirksamkeit der Museen für Kunstgewerbe (Gruppe XXII) - Officieller Ausstellungs-Bericht

Das  bürgerliche  Wohnhaus.

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„Das  Wohnlichmachen,  fagt  diefes  Programm,  wird  in  zweifacher  Richtung
«rfpriefslich  wirken.  Wenn  die  bisherigen  Weltausftellungen  neuen,  für  das  Haus
beftimmten  Erfindungen  oder  Einrichtungen  nicht  in  dem  erwünfchten  Mafse
Verbreitung  verfchaffen,  fo  lag  diefs  wohl  wefentlich  mit  daran,  dafs  man  diefe
Gegenftände,  je  nach  dem  Materiale  oder  der  Eabricationsweife,  vereinzelt  und
verftreut  zur  Anfchauung  brachte,  nicht  aber  in  ihrer  richtigen  Verbindung  und
Anwendung.“
In  Wirklichkeit  war  nun  Alles  auf  der  Wiener  Ausftellung  gerade  fo.  Von
dem,  was  die  Generaldirecftion  wollte  und  was  fehr  fchön  gefagt  und  gedacht  war,
dafs  „die  Wohnräume,  Küche,  Keller  u.  f.  w.  mit  Berückfichtigung  aller  Bedürfniffe
  des  bürgerlichen  Haushaltes  und  aller  bewährten  Einrichtungen  als  ein  Ganzes
und  zur  fofortigen  Benützung  fich  geeignet  darftellen  und  fo  demBefucher  ein  Bild
vorführen  füllten,  wie  es  in  gleicher  Vollftändigkeit  und  Deutlichkeit  auf  anderem
Wege  nicht  zu  erreichen  ifl  und  wie  es  die  Einbildungskraft  nie  hervorbringen
kann“  von  alledem  war  in  der  ganzen  Ausftellung  nichts  zu  fehen.  Ja  nicht  einmal ­
  die  Gewerbetreibenden,  welche  die  Decoration  des  inneren  Haufes  zum
Gegenftände  ihrer  Arbeit  haben,  wollten  „das  geeignete  Terrain  zur  Bethätigung
ihrer  Leiftungsfähigkeit“  in  gemeinfamem  Zufammenwirken  bebauen,  fondern
zogen  es  vor,  allenthalben  mit  ihrer  höchft  eigenen  Perfönlichkeit  und  Leiftung
in  den  bezüglichen  Gruppen  zu  glänzen  oder  zu  verfchwinden.
Und  doch  hat  die  Generaldiredtion  vollftändig  Recht,  wenn  fie  fagt:  „Wer
fich  gegenwärtig  hält,  dafs  der  Begriff  der  Wohnlichkeit  aufser  der  Zweckmäfsigkeit
  auch  Schönheit,  mit  diefer  Harmonie  aller  Theile  verlangt,  wird  nicht  beftreiten,
  dafs  ein  vereintes  Schaffen  vom  Standpunkte  des  Publicums  wie  von  dem  der
Gewerbetreibenden  wünfchenswerth  erfcheint.“
Es  ift  nach  diefer  Ueberficht  des  Programmes  und  der  Erfüllung  desfelben
auf  der  Weltausftellung  eigentlich  in  gar  nichts  die  Abficht  der  Gruppe  XIX  durchgeführt ­
  worden.  Und  doch  ift,  wie  das  Programm  gleichfalls  fehr  fcharf  hervorhebt, ­
  die  angeregte  Frage  von  der  weitgreifendften  Wichtigkeit.  „Wohl  bei  den
meiden  Völkern  ift  das  bürgerliche  Wohnhaus  in  der  Entwicklung  zurückgeblieben. ­
  Die  Wandlungen  in  unferem  gefellfchaftlichen  Leben,  die  Verkehrsverhältniffe
  der  Neuzeit,  noch  mehr  aber  die  Steigerung  der  Bodenpreife  haben  den  Beftand
  des  alten  Bürgerhaufes  felbft  in  kleineren  Städten  nahezu  unmöglich  gemacht ­
  ....  Unter  dem  Einflüße  der  den  modernen  Verkehr  beftimmenden  Elemente ­
  fehen  wir  die  Landplage  der  Miethkafernen  immer  mehr  um  fich  greifen
und  als  leider  unvermeidliche  Folge  des  Zufammenwohnens  Vieler  auf  engem
Raume  und  des  hiedurch  gelockerten  Familienlebens  eine  Reihe  von  für  Gefundheit
  und  Sittlichkeit  nachtheiligen  Wirkungen  fich  entwickeln.“
Es  ift  bei  diefer  klaren  Erkenntnifs  eben  nur  die  Frage,  wie  denn  die  ganze
Anregung,  dieBeftrebungen  zu  zeigen,  „dasFamilienhaus  in  neuen,  den  modernen
Verhältniffen  angepafsten  Formen  wieder  ins  Leben  zu  rufen“,  mit  ganz  wenig
Ausnahmen  fo  unbeachtet  und  fpurlos  vorübergehen  konnte.  Es  ift  dabei  unzweifelhaft ­
  wahr,  dafs  die  Gruppeneintheilung  der  Wiener  Weltausftellung  der  Durchführung ­
  der  Gruppe  XIX  grofse  Schwierigkeiten  entgegenftellte.  Sie  wird  in
Betreff  der  inneren  Einrichtung  des  Wohnhaufes  faft  durch  alle  anderen  Gruppen
durchkreuzt,  betreffs  ihrer  Gefammterfcheinung  durch  Gruppe  XVIII,  Bau  und
Civilingenieurwefen,  ebenfo  wie  durch  Gruppe  XX,  das  Bauernhaus,  vielfach  zerriffen.
  Stellt  doch  der  amtliche  Katalog  das  Vorarlberger  Bauernhaus  unter  das
bürgerliche  Wohnhaus  und  hat  die  Jury  in  ihrer  unglaublichen  Unklarheit  diefes
ebenfo  wie  den  Palaft  des  Vicekönigs  von  Egypten  als  bürgerliche  Wohnhäufer
beurtheilt  und  ausgezeichnet.  Aufserdem  hat  fie  vor  Allem  Tifchler  und  Möbelfabrikanten ­
  und  die  12  Firmen,  welche  die  Ausfchmückung  und  Einrichtung  des
Pavillons  der  franzöfifchen  Commiffion  geliefert  hatten,  als  Ausfteller  in  Gruppe
XIX  prämiirt.  Aber  diefe  Erfcheinungen  entfcheiden  keineswegs  noch  ganz  über
            
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