MAK
Perfien. 
9 
Ueberhaupt ift ein Regiment nie ftärker als 600 bis 700 Mann, und felbft 
diefe Zahl wird durch willkürliche Beurlaubungen noch wefentlich verringert. Die 
Cavallerie zählt in vier Escadronen 500 Mann, welche jetzt eigentlich die Leib 
garde des Schah bilden. Am tüchtigften organifirt, equipirt und von einem 
gewiffen Efprit de corps befeelt ift die Artillerie, welche ohne beftimmte Ein- 
theilung 600 Mann zählt und 400 Glattkanonen, die lieh in nichts weniger als 
feldtüchtigem Zuftande befinden, bedienen -foll. Zwar liegen im Arfenale zu 
Teheran 36 Lahittegefchütze, fowie 6000 Chaffepotgewehre, die aber nur zur 
Parade dienen, während in Wahrheit die Bewaffnung, Munition und Bekleidung 
in einem Zuftande ift, der bei kriegerifchen Verwicklungen als defolat fich 
erweifen mufs. 
Eine Remontirung befteht nur für die Artillerie, der Train aber exiftirt gar 
nicht, und werden die Bagagen auf Kameelen und Efeln transportirt. Technifche 
Truppen beftehen ebenfowenig; erft in letzter Zeit wurden 3°° Artilleriften vom 
General Gafteiger Khan, einem geborenen Tiroler, als Pionniere eingefchult und 
mit Erfolg verwendet. Hieher gehört auch die feit 1850 in Teheran beftehende 
Akademie, auf deren Lehrplan Mathematik, Phyfik, Mechanik, Gefchichte, Geo 
graphie, Taktik und endlich die englifche und franzöfifche Sprache verzeichnet 
find. Da aber der Eintritt der abfolvirten Zöglinge in das Heer nicht obligatorifch 
ift, fo wenden fich diefelben meift der diplomatifchen Carriere zu, und ift fomit 
im Heere, felbft in den höheren Chargen, die Ausbildung fall; gleich Null. General 
ftab exiftirt natürlich keiner, dafür aber Generale und Oberfte in bedeutender 
Zahl, welche Grade übrigens keineswegs militärifche, fondern blofs ökonomifche 
Bedeutung haben, und wie alle Officiersftellen verkauft oder an Günftlinge ver- 
fchenkt werden; fo treten z. B. Knaben aus guten Häufern oder Kinder von 
Tribuschefs, wenn fie in die Armee aufgenommen werden, gleich als Oberfte 
(Serheng), manchmal durch Erbfchaft als Generale ein. 
Der fonft ziemlich bedeutende Sold, — von welchem aber der Soldat feiten 
mehr erhält, als den vierten Theil — die von den Gemeinden zu liefernden 
Lebensmittel, endlich die Beurlaubungen bilden für die Officiere weidlich aus- 
gebeutete Speculationsobjetäe, über welche Inftnnäionen und Exerciren ganz 
vernachläffigt werden. Durch folch’ ungeregelte Soldverhältniffe werden die Sol 
daten gezwungen, Feldarbeit aufzufuchen oder in den Bazars haufiren zu gehen. 
Die Officiere bis zum Capitän werden von den Generalen ernannt, die Geneiale 
aber von dem Schah. Es gibt drei Clafien von Generalen: Sartip über I, Mirpendfch 
über 5 und Mirtoman über 10 Regimenter. Der Jahresfold der Officiere ift 
folgender: Der General foll 1000 Toman erhalten, der Oberft 500, der Major 
200, der Capitän 100 und der Lieutenant 20. Doch zieht die Regierung von 
allen diefen Gehalten 20 Percent ab und zahlt, aufser wenn der Officier im Felde 
fleht, nur die Hälfte. Der gemeine Soldat erhält beim Dienftantritt von der 
Gemeinde ein Handgeld und aufserdem von der Regierung einen nominellen Sold 
von 7 Toman jährlich; da er jedoch nur die Hälfte der Zeit im Dienfte und die 
übrigen 6 Monate beurlaubt ift, durchfchnittlich 3 «/ a Toman nominell jährlich. 
Menagebeiträge werden nicht geleiftet. 
Unter folchen Umftänden find die erften und wichtigften militärifchen 
Tugenden, namentlich Disciplin, ganz ungekannte Begriffe, und fehlt jetzt fomit 
den perfifchen Truppen jede Innere Confiftenz und Widerftandsfähigkeit. Selbft 
die Fettungen, deren Wälle aus Lehm oder zerfallenden Mauern beftehen und von 
einem Achtpfünder in Trümmer gefchoffen werden können, bieten dem Lande 
keinen Schutz. 
Einzig die Wüften find es, welche einer Invafion ernfte Schwierigkeiten 
bereiten würden; allein auch diefe Hinderniffe werden — fiehe Khiwa — durch 
die moderne Kriegstechnik befiegt; und will Perfien als Zünglein an der Wage 
der Gefchicke Centralafiens gelten, fo mufs mit eiferner, rückfichtslofer Energie 
die Wehrkraft des Landes zur Wehr auch Kraft gewinnen.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.