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Dr. J. E. Polak. 
heitskeime aufnimmt; hie und da durchsetzt es auch Friedhöfe oder fliefst ganz 
in der Nähe derfelben. Das Aas bleibt in den Strafsen liegen, oder wirdhöch- 
ftens in die Stadtgräben gefchleppt, bis es Nachts von den vagirenden Hunden 
aufgezehrt wird; diefe verdienen daher, im Orient alle Schonung, da fie, fonft 
harmlos, die einzigen find, die eine Art Sanitätspolizei ausüben. Ebenfo werden 
die Abfallftoffe nicht aus den Städten ausgeführt, fondern werden in grofsen 
Haufen in abfeitige Strafsen und Plätze geworfen; die thierifchen Abfallftoffe 
finken in tiefe Gruben ä fond perdu, es befteht weder ein Canal- noch Abfuhr- 
fyftem. Die Frie dhöfe, die nirgends eingefriedet find, befinden fich zum Theil 
an Plätzen in der Mitte der Städte, zum Theil in der Nähe derfelben, die Leichen 
werden in geringer Tiefe von etwa drei bis vier Fufs beigefetzt, diePaffage geht 
unbehindert üher diefe Leichenäcker weg. Dazu kommt noch der gänzliche 
Mangel an Civil- und Militärfpitälern, wodurch eine Ifolirung bei anfteckenden 
Krankheiten unmöglich gemacht wird. Diefe unglücklichen fanitären Verhält- 
nifle bewirken es, dafs der Aufenthalt in Städten während der Sommerzeit, wo 
die genannten Schädlichkeiten am heftigften fühlbar find, ein peinlicher , ja fehr 
gefährlicher wird. 
Die enorme Sterblichkeit, befonders unter den Kindern und Garnifonen. 
welche von ihrem Werbebezirke unmittelbar in die Städte verlegt werden, die 
rafche Abnützung der Städtebevölkerung und die Nothwendigkeit des fteten 
Zuzuges von Aufsen zur Ergänzung, die Heftigkeit und Häufigkeit von Epidemien 
befonders Typhus, Ruhr, contagiöfen Hautausfchlägen und Cholera, das Ueber 
fchreiten letzterer über ihre Grenzen und Fortpflanzung nach Europa (meift über 
den Kaukafus und Aftrachan, feltener über Conftantinopel) find den genannten 
Umftänden zuzufchreiben. Es ift felbftverftändlich, dafs diefe Krankheiten auf 
Ankömmlinge, Sorglofe, Arme und Nichtacclimatifirte ftärker einwirken, daher 
auch die häufigeren Erkrankungen und Sterblichkeit in den erften Jahren des 
Aufenthaltes. 
Daraus fliefst die Regel, dafs der Fremde auf die Wahl des Trinkwaffers 
eine befondere Aufmerkfamkeit haben und, fo es ihm verdächtig fcheint, es 
durch einen fchwachen Aufgufs von chinefifchem Thee verfetzen foll, befonders 
auf Reifen während der heifsen Jahreszeit, weil er den Dürft anhaltender und 
beffer ftillt als Waffer. Der mäfsige Genufs von Spirituofen, befonders Wein, ift 
zuläffig, fogar nützlich; leider verleitet die Langeweile die Ungebildeten zum 
Uebermafs und dadurch zum Ruin der Gefundheit. Bei der Wahl der Wohnung 
fehe man darauf, dafs fie an den Friedhof nicht angrenze; man fchlafe, wenn 
thunlich, in einem Zimmer erften Stockes, um Fieber zu vermeiden, 1 befonders 
wenn, wie üblich, im Hofe ein Baffin von flehendem Waffer fich befindet. Da die 
gefährlichen En- und Epidemien von Fieber, Ruhr und Cholera fall immer nur 
im Spätfommer und erften Theil des Herbftes herrfchen, fo vermeide man während 
diefer Zeit den Aufenthalt in den Städten, ziehe vielmehr in die höher gelegenen 
Dörfer, felbft in die Berge unter Zelte. Diefes wird fogar zur Pflicht der Lebens 
erhaltung, wenn man von Fieber und Ruhr lange heimgefucht wird, weil dann die 
einzige Rettung in Berghohen von über 6500 Fufs, wo abfolute Immunität herrfcht, 
oder im Verlaßen des Landes auf dem kjärzeften Wege zu finden ift. Durch beide 
Mittel fah ich noch in fehr verzweifelten Fällen Heilung. Aus demfelben Grunde 
unternehme auch kein Europäer um die erwähnte Zeit des Herbftes eine Reife, 
befonders nicht gegen den Süden (Perfepolis-Schiraz) oder gegen die Marfchländer 
am Cafpifee. 
Speciell auf die einzelnen Krankheiten übergehend, wäre zu erinnern, dafs 
das We chfe lfi e b e r unter den mannigfachften maskirten Formen aufzutreten 
pflegt. Man fei daher darauf bedacht, dafs eine länger dauernde Appetitlofigkeit, 
Unmuth, Trägheit zur Arbeit darauf hinweifen, dafs ein Fieber im Anzug°oder 
fchon vorhanden fei, daher auch fchon der Gebrauch des Chinins angezeigt ift, 
weil dadurch das maskirte Fieber meift in ein offenes fich umwandelt. Weicht
	        
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