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Full text: Die Thonwaaren-Industrie (Gruppe IX, Section 2), offficieller Ausstellungs-Bericht

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Dr. Emil Teirich. 
ganz entfchieden, es mufs aber auch zugeftanden werden, dafs Gefäfse zu feilen 
waren, in denen trotz diefer abfichtlichen oder zufälligen Unordnung in der 
Anordnung des Ornamentes dennoch, vielleicht aus angeborenem, feinem, äftheti- 
fchem Gefühle, der Künftler eine ganz fchöne Harmonie zwifchen Grund und 
Zeichnung, eine vollkommene Harmonie der Maffen herzuftellen gewufst hat. 
Die I laftik der Chinefen, wie fie fich in der Thonwaaren-Induftrie auch 
fpiegelt, ift bekanntlich deren allerfchwächfte Seite und nicht im Stande die 
menfchliche Geftalt richtig wiederzugeben. Eine plaftifche Decorationsweife’wird 
man daher zumeift, und wohl auch mit Vergnügen vermißen. Trotzdem wimmelt 
es von einer Unmaffe plaftifcher Darftellungen im grotesken Stile, der fielt zumeift 
Thiergeftalten, fabelhafte Ungeheuer, zum Vorwurfe nimmt. 
Auch diefe haben eine wefentlich fymbolifche Bedeutung, die einerfeits in 
dem Cultus, anderfeits in dem Kaftengeifte und den Standesu'nterfchieden des 
V olkes wurzelt. 
Häufig finden wir Darftellungen des Drachen, des Attributes der höchften 
Staatsgewalt, wie folche auch von modernen Meiftern, z. B. Po hing in Canton 
ausgeftellt waren. Der Hund des Fo, das heilige Pferd u. f. w., alle dienen neben 
ihrer mytlnfchen und fymbolifirenden Bedeutung auch zur Bezeichnung der Ran<^- 
claffen der chinefifchen Gefellfchaft. 
Unter den figuralen Darftellungen find bunt bemalte, meift ins Fratzenhafte 
verzerrte, kleine Götzenbilder, gewöhnlich in fitzender Stellung, die häufigften. 
Der Buddhismus gibt hiezu Motive genug. 
Am häufigften waren von altersher die Darftellungen des Obergottes, des- 
Lao-tfe, dann des ehrwürdigen Greifes Cheou-lao, des Symboles der Langlebigkeit 
und des Pou-tai. des Gottes der Zufriedenheit. Seltener trifft man die Geftalten 
des Weifen Confucius und anderer Philofophen, häufig aber auch die der heiligen 
Jungfrau Jao-tcheou. 
Die Fabrikation felbft des Porzellans wird in China unterflützt durch ein 
treffliches Material, das lieh in den Kaolinen von vorzüglicher Reinheit und dein 
fchönften Feldfpath (petunfe) in unerfchöpflichen Maffen vorfindet. Von dem 
Commiffär der Duane in Kivonkia ift eine intereffante Rohmaterialien-Sammlung 
ausgeftellt worden. Viele Orte des Vorkommens wurden feit undenklichen 
Zeiten Centren der chinefifchen Töpferinduftrie und find es theils geblieben bis 
auf den heutigen Tag, theils verfallen und wieder verfchwunden, wie die alte 
Fabnksftadt King-te-chin, die Wiege des chinefifchen Porzellans, oder Jao-tcheou, 
der berühmte Poteriediftriöt. 
Line felbft auf die einzelnen Theile der Decorationsmalerei fich 
eiftieckende Arbeitstheilung und das Uebergehen gewiffer traditioneller Verfah- 
rungsweifen vom Vater auf den Sohn, mit' einem Worte die Stetigkeit in einer 
jeden Hausinduftrie, bewirkten die Ausbildung gewiffer, charakteriftifcher Typen 
des chinefifchen Porzellans, welche jede einer beftimmten Familiengruppe eigen 
ift. Ein Blick auf die Ausftellung, fo wenig diefelbe in diefem Sinne auch geordnet 
war, liefs diefs mit Sicherheit erkennen. 
Dabei lebt der chinefifche Töpfer in einem ewigen Kampf mit felbft - 
gefchaffenen Schwierigkeiten bei der Erzeugung feiner Waare. Die angeborene 
giofse manuelle Fertigkeit der Chinefen fucht fich in jeder und immer neuer Form 
zur Geltung zu bringen. Grofse Sorgfalt wird der Vorbereitung der Porzellanmaffe 
zugewendet, dann aber mufs fie auch das Aeufserfte leiften. Nirgends findet man fo 
viele koloffale Vafen und fonftige Decorationsgegenftände aus Porzellan, die prächtig 
im Feuer beftanden haben. Der Scherben des gewöhnlichen Porzellans ift wohl 
meiftens ziemlich dick gehalten, ja oft ganz erftaunlich plump geformt, aber doch 
werden oft papierdünne Schälchen erzeugt, und nicht genug daran, auch noch 
mit Ornament durchbrochen ; auch das genügte nicht. Man nahm eine eierfchalen- 
diinne Vafe, überzog fie mit blauer Kobalt-Glafurmaffe und fteckte fie in eine 
zweite, zierlich durchbrochene von ähnlicher Form hinein, fo, dafs nur am oberen
	        
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