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Full text : Die Thonwaaren-Industrie (Gruppe IX, Section 2), offficieller Ausstellungs-Bericht

Die  Thonwaaren-Induftrie.

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Auch  diefsmal  brachte  das  Etabliffement  die  fchon  feit  der  Ausftellung
iS7c  her  bekannten  Sgrafiiatoarbeiten,  fo  vier  trefflich  ausgeführte  Teller  auf
„chocolate  coloured  body“,  der  mit  einer  helleren,  ja  mit  zwei  Schichten  anders
gefärbter  Thone  überzogen  ift.  Im  trockenen  Zuflande  wird  durch  Ein  ritzen  und
mehr  oder  minder  tiefes  Herausnehmen  mittelft  eines  Griffels  nach  Bedarf  die
eine  oder  andere  Schichte  entblöfst  und  deren  Färbung  wirkfam  gemacht.  Die
ganze  Zeichnung  deckt  hierauf  die  Glafur.  So  befcheiden  die  Mittel  find,  mit
denen  der  Künftler  hier  nur  zu  arbeiten  vermag,  fo  eigenthümlich  und  intereffant
find  die  erzielten  Effedte  mit  diefer  Technik,  die  der  italienifchen  Renaiffancezeit
  entflammt  und  von  der  noch  heut  zu  Tage,  namentlich  die  nationalen  Töpfer
viele  Anwendung  zu  einer  allerdings  meift  ganz  anfpruchslofen  Gefäfsdecoration
machen.
Erinnern  wir  uns  endlich  noch  an  die  fehr  fchönen  Service,  namentlich
Teller,  dann  aber  auch  einiger  Nippes,  zumeifl  in  cream  colrured-Waare  ausgeführt, ­
  und  von  Coleman’s  gewandter  Hand  mit  flüchtig  und  fkizzenhaft  gezeichneten ­
  Genrebildchen  und  Thiergeflalten  zierlich  und  reizvoll  decorirt.
Auch  von  der  eigenthümlichen  Imitation  der  Henri-deux-Waare,  von  dei*
uns  diefsmal  Minton  mehrere  Stücke  vorführte,  fei  hier  noch  Erwähnung  gethan.
Meift  find  diefe  Gefäfse,  welche  eben  nur  als  Curiofitäten  gelten  können  und
eigentlich  mit  zu  den  undankbarften  Produdten  des  Thonkünfllers  zählen,  gelblich*
weifs  im  Grundgehalten  und  darauf  mit  farbigen  Thonen  eine  Art  von  Intaifiatur
hergeftellt.
Wir  haben  es  hier  mit  einer  feltenen  und  lange  nicht  geübten  Technik  zu
thun,  die  fozufagen  verloren  gegangen  war.  Nur  wenige  alte  Exemplare  folcher
Gefäfse  zieren  die  Sammlungen  unferer  Amateurs.  Die  meiften  Originale  find  im
Baron  Rothfchild’fchen  Befitze  in  Paris.  Das  Ornament  wird  in  den  Grundton
eingeprefst,  die  entflandenen  Vertiefungen  mit  andersfarbiger  Maffe  gefüllt  und
fj  fortgefahren.  Durch  Hinzufügen  plaftifcher,  meift  fehr  reizvoller  und  Ungerechter ­
  Ornamente,  figürlicher  Darftellungen  und  der  durchfichtigen  Glafur  als
Ueberzug  werden  diefe,  meift  im  kleinen  Mafsftabe  nur  ausgeführten  Stücke  zu
wahren  Bijoux  der  Keramik.  Minton  verlieht  es  vorzüglich,  fleh  an  diefe  alte
Technik  anzulehnen,  wenn  er  ihr  auch  nicht  alle  Effedte  noch  abgewinnt.  Erft
gegen  Ende  der  Ausftellung  completirte  Minton  feine  Sammlung  von  Henry-deux-Waare
  durch  das  gröfste  je  erzeugte  Stück  diefer  Art,  durch  ein  Schild  mit
Umrahmung,  beftimmt  an  die  Wand  gehangen  zu  werden  und  eine  Uhr,  fowie
ein  Aneroidbarometer  zu  tragen.  Es  ift  diefe  letzte  Einfendung  als  ein  Meifterftiiek
  in  jeder  Richtung  zu  bezeichnen.  Jedenfalls  zeugen  diefe  Imitationen  von
einer  ungemein  delicaten  Hand  des  Anfertigers  Charles  Toft.  Die  Preife,  welche
hiefür  jedoch  gefordert  werden,  fcheinen  uns  aber  trotz  alledem  enorm  hoch
gegriffen.
Minton’s  Wandverkleidungs-Platten  haben  Weltruf  und  hätten,  wäre  nicht
auch  hier  der  fehr  hohe  Preis  im  Wege,  eine  allgemeinere  Verwendung  auch'am
Continente  gefunden.  Zum  gröfsten  Theile  find  Minton’s  Platten  mit  flachem
Reliefornament  verfehen  und  mit  all’  den  reizenden  Farben  gefchmückt,  die  der
Fabrik  zu  Gebote  flehen.  Die  gewählten  Mufter  wechfeln  fehr  und  hat  die  Ausftellung ­
  diefsmal  wieder  mehrere  neue  Defflns  gebracht  und  gezeigt,  dafs  namentlich ­
  der  orientalifche  Stil  cultivirt  wird.
Nach  wie  vor  ift  der  vorzügliche  Keramiker  Leon  St.  Arnoux  der
Direktor  und  die  Seele  des  ganzen  grofsartigen  Gefchäftes,  das  feines  Gleichen
nirgends  findet  und  in  dem  mit  Recht  von  Jahr  zu  Jahr  ein  unverkennbarer  Fortfchritt
  zu  conftatiren  ift.  Der  Firma  wurde  das  Ehrendiplom  von  der  Jury  zuerkannt. ­

Nächft  Minton  haben  die  englifchen  Fabrikanten  relativ  viel  zu  wenig  von
glafirter  Thonwaare  in  unferem  Sinne  gefandt.  Wie  fchön  und  prächtig  vollkommen ­
  war  in  diefer  Richtung  Englands  Ausftellung  im  Jahre  1871.

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