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Full text : Die Thonwaaren-Industrie (Gruppe IX, Section 2), offficieller Ausstellungs-Bericht

Die  Thonwaaren-Induftrie.

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Damit  ifl  freilich  noch  nicht  gefagt,  dafs  Fehler  in  diefer  Richtung  nicht
mehr  häufig  genug  begangen  werden.  Die  Ausflellung  wimmelt  noch  von
Beifpielen  diefer  Art,  von  Gefäfsen  der  unbrauchbarflen  Formen,  aber  geziert
in  der  planlofeflen  Weife  mit  Landfchaften,  Blumenflücken,  Hiftorienbilder  und
Porträts.
Einem  wilden  Naturalismus  ift  dabei  Thür  und  Thor  geöffnet,  ftilvolles
Ornament  findet  fich  feiten  vor,  das  rein  decorative  Flächenornament  hat
noch  immer  nicht  feine  ausfchliefsliche  Anwendung  gefunden,  das  plaflifche
tritt  noch  allenthalben  auf.  Erfreulicher  ift  im  Allgemeinen  aber  das  Fortfchreiten
  in  der  Anwendung  der  Farbe  zur  Decoration  des  Gebrauchsporzellans,
das  Aufgeben  der  verzopften  Sucht  nach  rein  weifsen  Stücken,  die  ein  Kunftflück
  der  Fabrication  flets  find,  aber  vom  Kunftwerk  nicht  feiten  weit  entfernt
flehen.
Betrachten  wir  beifpielsweife  die  Theile  des  Theefervices,  welche  uns
die  Berliner  königliche  Manufactur  als  Neuefies  bringt.  Die  Modellirung  ift
in  der  harten  Maffe  zum  Erflaunen  fein  durchbildet,  die  Formen  find  fcharf
geblieben  im  Brande,  die  Glafur  hat  die  delicateflen  Formen,  die  zarteflen
Reliefs  gefchont,  aber  mit  ihrem  kalten  Weifs  zugleich  den  ganzen  Effect
getödtet.  König  Ludwig  von  Baiern,  über  delfen  befondere  Beflellung  erft
vor  wenig  Monaten  diefe  Ausführung  vorgenommen  wurde,  thäte  gut,  der
Farbe  ihr  Recht  einzuräumen  und  das  weifse  Stück  durch  feine  Münchner
Künfller  weiter  decoriren  zu  laffen.  Freilich  bietet  ihm  dazu  der  gewifs  Unglück
lieh  gewählte  Zopfflil  des  Ganzen  wenig  gute  Gelegenheit.
Als  eine  Klippe  für  den  Porzellanfabrikanten  hat  fich  noch  immer  die
Anbringung  der  Glafur  gezeigt,  die  namentlich  auf  dem  englifchen  Porzellan
von  einem  ausgezeichneten,  oft  aber  fehr  Hörenden,  für  die  Decoration  der
Gefäfse  aufserfl  fchädlichen  Einfluffe  ift.  Das  Glanzlicht  fchädigt  das  Ornament
am  meiften  dort,  wo  die  plaflifche  Verzierung  angewendet  wurde  und  die
Reflexwirkung  fich  mehrt.  Diefe  letztere  zu  erhöhen,  bemühen  fich  einzelne
Fabrikanten  auch  noch  mit  einer  profufen  Anwendung  eigenthümlicher  Emails
und  Luflres,  die  namentlich  auf  plaflifchen,  figuralen  Darflellungen  ganz  unbedingt ­
  eine  verwerfliche  Richtung  bezeichnen.  Ein  fo  vorlautes,  rückfichtslofes
Hervordrängen  der  eigenthümlichen  Technik  und  ein  völliges  Zurückdrängen
der  Form  ift  entfehieden  unflatthaft.  Die  Bellek  -  Company  und  andere  mehr
verfallen  in  diefen  Fehler,  wenn  fie,  um  mit  ihrem  eigenthümlichen  Luflre  zu
brilliren,  Alles  damit  überziehen.  Namentlich  findet  diefer  Ueberzug  auf  Parianmaffe
  flatt;  erifl  eine  Imitation  der  alt  maurifchen  Technik  der  Metallluflres,  wenn
auch  hier  nicht  foweit  gegangen  wird  wie  im  Orient.
Die  modernfle  Wiederaufnahme  diefer  gefärbten  Metallluflres  verdanken
wir  dem  Franzofen  Brianchon.  Jetzt  ift  es  eine  Reihe  von  Fabriken,  welche  das
Verfahren  kennen  und  üben,  durch  Auftrag  leicht  reducirbarer  Metalllöfungen
(Gold,  Wismuth,  Cobalt  etc.)  im  Gemenge  mit  einer  Terpentin  oder  Oelforte  und
nachheriges  fchwaches  Brennen  die  verfchiedenartig  gefärbten  Luflres  zu  erzeugen,
aber  auch  in  diefem  Jahre  war  Brianchon’s  Ausftellung  die  reichfle,  und  zeigte  eine
neuerliche  Bereicherung  feiner  Farbenfcala  um  mehrere  fchöne  Mitteltöne.
In  gleichemSinne  wird  gefehlt  bei  Anbringung  der  Vergoldung.  Wir  haben
diefe  Anwendung  beim  Ueberzuge  ganzer  Gefäfse  oder  ganzer  Theile  derfelben
bereits  gerügt,  aber  felbfl  wo  nicht  foweit  darin  gegangen  wird,  fleht  man  zu  grofse
Flächen  mit  glänzend  polirtem  Gold  überzogen;  ein  Vorgang  der  ganz  unfehlbar
die  Form  des  Gefäfses  vernichtet.  Beffer  verwendbar  wäre  hier  eine  matte  Vergoldung, ­
  die  aber,  fo  wenig  haltbar  eine  folche  überhaupt  herflellbar  ift,  noch
dadurch  leidet,  dafs  beim  geringflen  Gebrauche  die  hervorragenderen  Theile  der
Form  fich  glänzend  poliren,  womit  dann  alles  verdorben  ift.  Beifpiele  diefer
falfchen  Art  der  Decoration  fanden  fleh  auf  der  Ausflellung  in  Menge,  namentlich
in  der  öfterreichifchen  und  deutfehen  Ausflellung.
            
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