Dr. Emil Teirich.
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feinem „Nacre“, ohne zu bedenken, wie vorficlitig gerade bei Verwendung fo
exceptioneller Decorationsverfahren vorzugehen ift. Uebrigens conftatiren wir
auch bei ihm einen Fortfehritt. Er hat einige neue Luftrefarben wieder gebracht,
unter denen der graue und blafs rofenrothe Ton alle Anerkennung verdient.
F. Woodcock in Paris bringt eine ganze Colletftion von Bisquit-
fabricaten, unter denen er die Blumen zu feiner Specialität gemacht hat und die
er auch wirklich mit befonderer Virtuofität behandelt. Die Bisquitblumen werden
nachträglich mit Lackfarben bunt bemalt und wie diefs fchon nicht anders
denkbar, ganz naturaliftifch behandelt. Das Brennen der Bisquitwaare gefchieht
in Muffeln, die mit Theer erhitzt werden.
fn ähnlicher Weife und ganz demfelben Artikel arbeitet Detemmerman
in Paris, deifen Blumen uns fall noch feiner modellirt und zarter behandelt Vor
kommen als die von Woodcock. Auch hier wird oft die Illufion der Natur durch
Auftrag von Lackfarben angeftrebt.
Die vielen Etabliflements, die fich in Frankreich und fpeciell in Paris
mit der Decoration befaffen, und die meift neben der Bronce- und Möbel-
induftrie auch die der Thonwaaren betreiben, haben viel zu Wenige ausgeftellt.
Eine ganze Reihe von Fabrikanten arbeitet diefe „Parifer Artikel“ für den grofsen
Export und liefert ihre zierlichen kleinen Möbel, Panneaux und Nippes in alle
Welt. Auch hier in Oefterreich find diefe Artikel vielfach gekannt und werden
gar oft dazu verwendet, wenigftens die Schaufenfter unterer Fabrikanten zu zieren.
Unleugbar find alle diefe Erzeugniffe von einem leichten, auf den elften Blick fall
ftets feffelnden Gefchmack und Reiz.
Diefs gilt namentlich von ihrem Enfemble, das aufserordentlich befticht.
Und doch vertragen alle diefe Arbeiten kaum eine wenn auch nur etwas fchärfere
und eingehende Kritik des Details, das fall ftets roh behandelt, nicht im gering-
ften durchgebildet erfcheint. Dasfelbe gilt auch von der technifchen Seite der
Fabrication, die nicht immer als die folidefte fich erweift.
J. Houry in Paris ift eine Firma, die in dem gefchilderten Genre arbeitet
und mitunter reizende Dinge ausftellt. Die Porzellane und Fayencen, welche faft
an allen Cabinets, Tifchchen, Vafen, Lampen u. drgl. eine profufe Anwendung
finden, find durchwegs nach Angabe und Zeichnung von Charles Houry in ver-
fchiedenen Fabriken theils ganz ausgeführt, theils in des letzteren Atelier
wenigftens emaillirt und bemalt. Während bei Houry die Verbindung von Holz mit
der Thonwaare am häufigften vorkommt, montirt Schlofsmacher diefelbe
gewöhnlich in Bronce. Seine Specialität ift die Anfertigung der bekannten
Moderateuriampen, die er denn auch in allen Stilarten und Grofsen maffenhaft
erzeugt. Auch er dekorirt die, von den Fabriken weifs gelieferten Porzellan
fayencen durch feinen Maler Sieffert. Meift ift die Ausführung des Decors
auf Porzellan bei Schlofsberg’s Erzeugniffen beffer als die Broncearbeit.
Eine Reihe anderer, zum Theile auch minder bedeutender Decorateure
von Porzellan wäre noch zu erwähnen, welche natürlich ebenfo die Fayence mit
in den Kreis, ihrer Thätigkeit einbezieht. Die Arbeiten diefer Firmen ähneln
einander zumeift fehr. Gewöhnlich find es flüchtig bemaltö Modewaaren, oft von
höchft bizarrer, feiten correcler Zeichnung aber faft ftets gut in der Farbe
gehalten und durch eine lebendige Art der Behandlung beftechend.
Derlei fkizzenhaft d°corirte Ziergefäfse und Nippes, dann aber auch Service
haben fich namentlich bei uns in letzterer Zeit vielfache Freunde erworben und
werden aus England fowohl wie aus Frankreich in nicht geringen Mengen im-
portirt, da, rvie die Ausftellung der öfterreichifchen Pozrellanmaler zeigt, es in
Wien faft zur Unmöglichkeit gehört, auch nur annähernd gleich Gutes herftellen zu
laffen. Aber auch Deutfchlands Porzellanmalerei ift in diefen Leiftungen den
Franzofen keineswegs gewachfen und verfolgt in feiner Porzellanmalerei, die
abgefehen von den grofsen Fabriken doch als Hausinduftrie fo grofse Bedeutung
an manchen Orten, fo in Thüringen erreicht hat, eine ganz andere Richtung.