Türkei.
agrarifche Gefetzgebung und ihre rückfichtslofe Handhabung, namentlich auch die
Willkürlichkeiten der Zehentpächter.
Die Gefetzgebung und das Communicationswefen machen wohl in neuerer
Zeit Fortfehritte, aber in beiden Richtungen bleibt noch Vieles zu thun.
Volkswirthfchaftliche Topographie.
VORBEMERKUNGEN.
Da die türkifche Provinzial-Eintheilung nicht nur in vielen Theilen des
Reiches eine unnatürliche, fondern auch faft jährlichem Wechfel unterworfen ift,
fo wird in diefer Abhandlung eine Eintheilung des Landes vom Standpunkte der
phyfifchen Geographie zu Grunde gelegt. Da in jeder Vilayets- und Kreis-Hauptftadt
ein Handelsgericht befteht, fo wurde diefs bei den, als folche bezeichneten
Städten nicht befonders bemerkt, fondern nur dann hervorgehoben, wenn
dort ein international gemifchtes Handelsgericht befteht, oder wenn die betreffende
Stadt keine Hauptftadt ift. Wenn an einem Orte mehrere Confulate erwähnt
find, fo ift darunter immer auch ein öfterreichifch-ungarifches. Unter dem
Getreidemafs Kile ift im Durchfchnitt der Conftantinopler Kile von 0-59 Wiener
Metzen, oder 37 Liter, unter Oka das Gewicht von 21/ 4 Pfund, unter Piafter
die türkifche Münze im Werthe von neun Kreuzer zu verliehen.
Die europäifche Türkei.
Das füdöftliche Küftenland oder die Halbin fei von
Thrakien.
Diefes Gebiet, welches, die Hauptftadt mit inbegriffen, ungefähr 8 bis
900.000 Einwohner, zum gröfseren Theile Griechen, etwas weniger Türken,
dann Armenier, Bulgaren und andere Nationen beherbergt, umfafst die bizantinifche
Halbinfel und die Landzunge von Gallipoli mit dem dazwifchen liegenden
fchmalen Küftenftriche oder nach der politifchen Eintheilung das Stadtgebiet
von Conftantinopel (und Pera), den Kreis von Tfchekmedfche und die füdöftlichen
Küftenftriche der zum Vilayet Edrneh gehörigen Kreife von Tegfur-Dagh (Rodofto)
und Gallipoli; es reicht alfo vom fchwarzen bis zum ägäifchen Meere. Im Innern
bis zu den Gebirgen Strandfcha und Tekir-Dagh. Es enthält keine bedeutenden
Fliiffe, nur Bäche und Küftenfeen, aber es grenzt an die beiden wichtigen Wafferftrafsen:
Bosporus und Plellespont. Es hat mehr Weide- als Cultur- und Waldboden.
Die Nordküfte am fchwarzen Meere ift fehr wenig cultivirt, hat aber einige
Laubwälder, wenn auch gröfstentheils nur Eichengeftrüpp aufzuweifen. Am
Marmorameere findet Feld- und Gartenbau ftatt; hauptfächlich wird Weizen,
Roggen und Mais, dann Gerfte und Hafer, ferner viel Zwiebel und Bohnen, im
Süden auch Baumwolle (jährlich über eine halbe Million Oka) producirt, hie und
da auch Weinbau, Seiden- und Bienenzucht getrieben. Von Minenproducften find
die Kupferkiefe von Bosporus, oberhalb Bujukdereh, die Lignite von Rodfto und
die Bleierze von Gallipoli zu erwähnen.
Im Allgemeinen ift die Produktion diefes Gebietes unbedeutend, (an
Getreide höchftens eine Million Kile) was in der unmittelbaren Nähe der Reichshauptftadt
auffallen mufs.
An der Einmündung des Bosporus ins Marmorameer, an der Bucht des
goldenen Plornes liegt die Hauptftadt Conftantinopel. Hier ift die natürliche
Brücke zwifchen der europäifchen und afiatifchen Türkei, der Schlüffel des
fchwarzen Meeres, der natürliche Mittelpunkt der Schifffahrt in den türkifchen