52 Carl Sax.
thümlich die Geftaltung der einzelnen Theile des grofsen osmanifchen Reiches ift.
Nun haben fich durch die Erkenntnifs der Regierung und die Thätigkeit derfelben,
durch die Thätigkeit einzelner hervorragender Sammler faft die meiften türkifchen
Provinzen, und ausgiebiger als je, an der Weltausftellung in Wien betheiligt.
Wären wir daher von vorne herein nur an der Hand der Gruppen-Eintheilung in
unfererDarftellung vorgegangen, um die wirthfchaftlichenKräfte und dieProdudlions-
fähigkeit des türkifchen Reiches zu kennzeichnen, fo würde jede einzelne Gruppe
ein geographifches und ethnographifches Chaos gebildet haben, aus welchem bei
der Unbekanntfchaft mit den Verhältniffen der Türkei wohl Niemand fich zurecht
gefunden hätte. Jetzt, nachdem wir die einzelnen Provinzen nicht nur nach ihrer
Lage und Bevölkerung, fondern auch nach ihren wichtigften Produkten und
Produdlions-Verhältniffen und handelspolitifchen Beziehungen gekennzeichnet
haben, jetzt dürfte es leichter fein, am Schluffe unferer Betrachtungen noch im
Fluge die Ausftellung der Türkei zu kennzeichnen.
An der erften Gruppe betheiligten fich faft alle Vilayets, welche mine-
ralifche Produkte liefern; fo Kaftamuni mit Kreide, fchönen Zinnerzen, mit Salz,
Adrianopel mit Steinkohlen, Soda und fchönem Marmor, und wie G alli p oli
brachte es Meerfalz. Auch Je r ufal em, S k o d r ahatten Salzausgeftellt. Das Vilayet
Adana hatte fchönes Kupfer, Edirne Granit, Kupfer und Zinn, Mitylene
Eifenerz, Antimon, Chrom und Schwefel; das Vilayet der Dardanellen Blei,
Eifenerz, Thon und Okererde eingefendet. Aus B o u r o u k war filberhaltiges
Bleierz, Kreide, Soda, Mangan und der unter dem Namen Obfidian gefuchte
fchwarze Bernftein ausgeftellt. Die reiche Sammlung wurde vor Allem durch die
Mengen fchönen und reinen Kupfers, dann durch die Steinkohlen aus den
Vilayets Janina, Thuna, A'idin, Pifren u. f. w. von hohem Intereffe. An
mineralifchen Brennftoffen und an den verchiedenartigften Metallen ift die
Türkei reich genug, um zahlreiche Induftrien zu unterftützen.
Am reichften bedacht war in der ganzen türkifchen Ausftellung die zweite
Gruppe der Land-und Forftwirthfchaft. Mehr als 1000 Ausftellungsgegenftände,
welche die Regierung und einzelne Vilayets-Verwaltungen gefammelt hatten,
zeigten den landwirthfchaftlichen Reichthum der Türkei. Aus den verfchiedenften
Gegenden waren die üppigen Gartengewächfe, Melonen, Bohnen, Zwiebeln und die
fchönen, der Türkei allein angehörigen Fifolen, dann alle Arten der Feldfrüchte,
Weizen, Gerfte, fchwarze Gerfte, Reis, Zwiebel u. f. w. und die reichen, vielfach
verfchiedenen Obftgattungen, zumeift aus dem Vilayet B agdad, den Vilayets
Pifren, Konia und S y ri e, ausgeftellt. Adrianopel, Philippopel, GalJi-
p ol i hattenWolle, unbearbeitet und roh und verfchiedene Sorten feiner Ziegenhaare,
die für die turkifche Teppichfabrication von grofser Bedeutung find, eingefendet.
Ismid aus dem Vilayet Gallipoli, Iftamaka und Rizantik aus dem Vilayet
Adrianopelhatten die beachtenswerthen und für die türkifche Weberei fo wichtigen
Seidencocons in den verfchiedenften Farben von grünlich und grünlichgelb bis zu
den filberweifsen und hellen, goldftrahligen Cocons ausgeftellt. Tabak war von
allen tabakbauenden Vilayets von den gewöhnlichften bis zu den feinften Sorten,
ebenfo Baumwolle aus den verfchiedenften Vilayets ausgeftellt. Die letztere war
zumeift durch Kapfeln, Samen und Baumwoll-Flocken vertreten, kurzftaplig, aber
fchön weifs und ziemlich feidig war die Baumwolle aus dem Vilayet lies, aus
Tchanakkale und aus dem Vilayet Chypre die Stadt L efko cha. Die Türkei
vermag die Summen ihrer landwirthfchaftlichen Produkte keineswegs felbft zu ver
zehren. Getreidefrüchte und Gartenfrüchte, einzelne Handelsgewächfe, viel Hanf-
und Leinfamen, dann die Produdle des Thierreiches, die von jeher gefuchten
türkifchen Wollforten, Fliefse und Felle, die Ziegenhaare, Wachs und Seide wer
den ausgeführt und geben dem Lande das Capital für Leben und Wirthfchaft.
Unerfchöpflich müffen die Quellen der türkifchen Landwirthfchaft genannt werden,
denn es ift keineswegs die intenfive Arbeit, fondern der Reichthum und dieUeppig-
keit des Bodens, welcher die grofsen Mengen derFeld- und Gartenfrüchte producirt.