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Full text : Kupfer- und Stahlstich-Druck (Gruppe XII, Section 2 und Gruppe XXV, d), officieller Ausstellungs-Bericht

Conrad  Grefe.  Lithographie  und  Chromographie.

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machten,  fcharf  und  rückhaltslos  hervorgehoben  und  als  dem  eigentlichen  Zwecke
der  Ausheilung  im  hohen  Grade  hinderlich  bezeichnet  wurden.
Bevor  wir  nun,  an  die  Prüfung  der  einzelnen  Abtheilungen  gehen  und  verfuchen,
  aus  diefen  vielfach  zerfplitterten  Objeblen  eine  Skizze  des  Gefammtbildes
von  dem  gegenwärtigen  Stande  der  Lithographie  zu  conftruiren,  wollen  wir  uns
die  Aufgabe,  welche  diefer  Kunftzweig  im  Ganzen  und  fpeciell  die  Chromolithographie ­
  bei  ihrer  jetzigen  technifchen  Ausbildung  auszuführen  berufen  und  in  der
Lage  ift,  ins  Gedächtnifs  rufen,  und  die  Mittel  prüfen,  über  welche  fie  bei
Erfüllung  derfelben  verfügt.
Mit  den  Gefammtnamen  „Lithographie“  wird  eine  weit  auseinandergehende ­
  Gruppe  von  künftlerifchen  und  technifchen  Arbeiten  bezeichnet,  die,  bei
der  einfachften  Schriftzeichnung  beginnend,  bis  zur  vollftändigen  Wiedergabe  der
gröfsten  Meifterwerke  der  Malerei,  und  zwar  fowohl  in  Form  als  Farbe  reicht;  zu
jener  genügt  ein  tüchtig  gefchulter  Zeichner  oder  Kalligraph  —  diefe  bedarf
gereiftes  künftlerifches  Verftändnifs  —  eine  im  Zeichnen  fehr  ausgebildete  Hand
und  eine  genaue  Kenntnifs  der  Farbentöne  und  ihrer  Zufammenfetzung  aus  den
einzelnen  Grundfarben.
Das  Gefammtgebiet  der  Lithographie  ift  in  den  letzten  Jahren  emfig  und
mit  grofsem  Erfolge  bebaut  worden  und  insbefondere  jener  Zweig,  der  im
gewöhnlichen  Leben  „Farbendruck“  genannt  wird,  erfreute  fich  einer  höchft  forgfamen
  Pflege,  einer  fehr  ausgiebigenProdudlion  und  einer  weitreichenden  Beliebtheit; ­
  der  Grund  dazu  ift  wohl  in  dem  Umftande  zu  fliehen,  dafs  die  Farbenlithograp'hie
  nicht  wie  der  Kupferftich  und  die  Photographie  blofs  die  Form  der
Gegenftände  und  ihre  Erfcheinung  in  Licht  und  Schatten,  fondern  nebft  diefer
auch  ihre  ganze  Farbenwirkung,  ja  felbft  die  Eigenthümlichkeiten  der  Pinfelführung ­
  und  das  Impafto  des  Farbenauftrages  mit  unbedingter  Treue  wiederzugeben ­
  im  Stande  ift.  Sie  macht  es  bei  der  verhältnifsmäfsig  grofsen  Billigkeit
ihrer  Erzeugniffe  jedem  Haufe  und  jeder  Familie  möglich,  Auge  und  Gemüth  an
dem  Anblicke  genauer  Imitationen  der  beften  Kunftwerke,  die  oft  von  den
Originalen  kaum  unterfcheidbar  find,  zu  erfreuen  und  zu  bilden;  fie  fetzt  die
Wiffenfchaft  in  die  Lage,  ihre  Werke  mit  den  beften  und  fprechendften  Illuftrationen
zu  erläutern;  fie  fchafft  der  Kunftinduftrie  genaue  Nachbildungen  all’  jener
Schätze,  welche  die  Mufeen  aufgehäuft  haben,  und  ift  endlich  eine  treue  Verblindete ­
  der  modernen  Schule,  indem  fie  den  Anfchauungsunterricht  mit  einer
unerfchöpflichen  Fülle  von  vorzüglichen  und  billigen  Vorlagen  verlieht.
Manch’  aufmerkfamer  Beobachter  der  Weltausftellung  wird  uns  vielleicht
einwenden,  dafs  fehr  viele  von  den  ausgeftellten  lithographifchen  Arbeiten  diefem
Programme  nicht  entfprachen;  er  wird  auf  die  flüchtige,  fabriksmäfsige  Erzeugung
unbedeutender  „Möbelbilder“  und  noch  auf  vieles  andere  Mangelhafte  und  Oberflächliche ­
  hindeuten  und  daraus  den  Schlufs  ziehen,  dafs  auch  die  Farbenlithographie ­
  ftatt  zur  Vertiefung  und  Veredlung,  nur  zur  Verflachung  des  geiftigen  und
fpeciell  des  Kunftlebens  führt.
Allein,  obgleich  uns  gewifs  fo  gut  als  irgend  Jemandem  diefe  Mängel  ins
Auge  fielen,  und  obgleich  wir  vielleicht  noch  einige  weitere  Klagen  beizufügen
hätten,  können  wir  doch  unferen  Ausfpruch,  dafs  die  Lithographie  und  fpeciell
die  Chromolithographie  eine  grofse  und  fchöne  Aufgabe  zu  erfüllen  berufen  ift
und  auch  zum  grofsen  Theile  fchon  erfüllt,  nicht  zurücknehmen.  Es  wird  auch
in  diefem  Kunftzweige  fo  gehen,  wie  im  ganzen  Kunftleben  überhaupt:  das  Mittelmäfsige,
  Unreife  und  Schlechte  wird  zurückgedrängt  werden  und  immer  weniger
Beachtung  finden.  —  Das  Publicum  wird  allmälig  unterfcheiden  lernen  und
nur  mehr  das  Gute  und  Gediegene  kaufen  und  die  Verleger  fowie  die  Eigenthümer
  der  lithographifchen  Anftalten  werden  die  Ueberzeugung  gewinnen,  dafs
für  die  höheren  Kunftzwecke  die  Unterftützung  gediegener  Künftler  fowie  eines  the  oretifch
  und  praktifch  forgfältig  gefchulten  Druckerperfonales  unerläfslichift.
            
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