46
J. Langl.
in der Wandlung des Gefchmacks wahrgenommen werden. Zwar dominirt noch
immer der Stil aus der Zeit Louis XV., noch immer finden wir die Blume, und
das plaftifche Ornament auch dort, wo Beides nicht hingehört: jedoch Schritt für
Schritt dringt fchon die ftilifirte Form vor, und das ehemals verpönte Architek-
tomfche findet feinen Eingang in Stofifdeffins, in den Broncen, Fayenzen etc
Es mag der mehr als ehedem gereizte Nationalftolz mit-Urfache fein, dafs weniger
die Elemente der allgemeinen Reform Eingang finden, als die Imitation des alten
und vorzugsweife des Orientes, wobei jedoch dem nationalen Charakter zufolge
vielfach das Effectvolle dem eigentlichen Schönen vorgezogen wird
Wir haben nun zunächlt zu erörtern, welche Richtung in Bezug auf Stil
an den Schulen gepflegt wird, und auf welcher Stufe der Kunftunterricht überhaupt
gegenwärtig in Frankreich fleht. F
In Betreff des erden Punktes müffen wir hier an die Spitze Hellen: „Was
gezeichnet wird“, denn mit den Formen, in welchen der Zeichner erzogen wird
fpricht er fpäter als Ausübender, oder findet doch feinen Gefallen daran. Die Wichtig
keit, welche Vortagen, Modelle etc. für den Zeichenunterricht haben, wurde in
lanueich langft anerkannt, und feit Jahrzehnten beherrfchen damit alle Welt
die rarifer Verleger.
Julien mit feinen zahlreichen Vorlagewerken war bis in die fünfziger Tahre
herein der tonangebende Autor und nicht nur in Frankreich, wo es überhaupt
Zeichenfchulen gab fand man feine glatt gezeichneten Köpfe, feine phrafenhaften
Ornamente beftechlich für das Auge— bedenklich für einen rationellen Unterricht
Das figuraie Zeichnen mufste damit entfchieden auf Abwege gerathen, und auf
der We tausftellung beftätigten diefs wieder die Schülerarbeiten vieler Anftalten
an welchen noch die alteren Schulen des genannten Autors in Verwendung flehen!
Beben diefem wurde dann das leichte Ornament cultivirt, worin vielleicht Bilor-
deaux das Elegantefte leiftete —und die Blume. Im letzteren Genre entftanden
nun frühzeitig und noch bis heute muftergiltige Vorlagen: diefs war ja das Haupt
element in der Induftrie ! 1
Nun kamen die Weltausftellungen und die Concurrenz forderte exaftere
lonnten In derInduftrie ’ die aber nur durch den Kunftunterricht eingeführt werden
„ , De , r Umfchwung, der auf dieiem Gebiete in den letzten Jahren fich in
I rankreich vollzog, war das bedeutfamfte Signal für den allmäligen Umfchwung
des Gefchmacks in der franzöfifchen Kunftinduftrie. Vorlagewerke entftanden
nicht mehr wie ehedem aus der Phantafie Einzelner; es wurde bei der Wahl der
Motive ftrenger vorgegangen, und zu den Claffikern eingedenk.
i • Die Firma „Julien“ felbft brachte die „Etudes d’apres l’antiques“, die aber
leider wieder nur zu genial, zu breit gezeichnet waren, als dafs fie für die Elemen-
tarftufe des figuralen Zeichnens muftergiltig genannt werden könnten. Im Orna
mente wurde zunächft zur Renaiffance umgekehrt; dann aber Motive und Formen
aus der ganzen Kunftgefchichte, von den Indern, Aegyptern etc. angefangen, bis
herauf zum Zopf in den Vorlageblättern vorgeführt. Es mag das Imitiren verfchie-
dener Stile in der modernen franzöfifchen Induftrie damit in Wechfelbeziehung
flehen. Eine Anzahl hervorragende Verleger, wie Delagrave, Delarue, Ducher
Monrocq (freres), Baudri, Morel etc. erzeugten in diefer Jlinficht wahre Pracht
werke Das Zurückgreifen nach den claffifchen Vorbildern und insbefondere im
l'iguralen nach der Antike, fteigerte fich noch feit der letzten Ausftellung und
ward diefs Beftreben auch von der Regierung in Frankreich felbft bis zur Gegen-
wart reichlichft unterftiitzt. Zwar find im Allgemeinen die Früchte noch nicht
überall zu Page getreten, aber energifches Hinarbeiten, edlere Elemente in das
I ormenwefen zu bringen, mufs allenthalben conftatirt werden.
All den neueflen Erfcheinungen, die auf der Ausftellung Vorlagen, ift vor
Aüemp. Ravaiffon’s „Claffiques de l’art, modelles pour 1’enfeigement du deffin“
zu nennen. Die Photographien find gröfstentheils nach den claffifchen plaftifchen