Der Zeichen- und Kunftunterricht.
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J. Bardin, L. Grunblot, Blery etc. verfolgen dann fchon weitere Zwecke des
eigentlichen Zeichenunterrichtes und ift im Allgemeinen nur zu bemerken, dafs
überall das plaftifche Ornament vorherrfcht. Die lebende Blume tritt mehr und
mehr in den Hintergrund; auch ift Landfchaft mit Recht vom erften Unterrichte
ausgefchloffen. Seit Calame’s unvergleichlichen Lithographien ift auch nichts
Hervorragendes in diefem Genre erfchienen. — Für das elementare figurale
Zeichnen ift merkwürdigerweife noch wenig geleiftet worden. Der Kunftunterricht
in Frankreich ift eben dem Hauptzuge nach dem Praktifchen, der Induftrie zuge
wendet, nach welcher Richtung in allen Specialgebieten bisher ja wahre Pracht
werke erfchienen find und die Parifer Verleger, trotz den englifchen Beftrebungen
noch immer unübertroffen daftehen. — Es würde den gegebenen Raum hier iiber-
fchreiten, nur das Hervorragendfte anzuführen. Die Werke find aller Welt gegeben
und mag es genügen, hier darauf hingewiefen zu haben.
Auch für den Unterricht im Linearzeichnen lagen zahlreiche Werke vor,
die jedoch alle in einem Geleife fich bewegten, nämlich nach dem allgemeinen
Theile fogleich die praktifche Anwendung zum Ziele nahmen. Das Bedeutendfte
war wieder die vorzügliche Arbeit des fr&re Vi c t o r i s „Cours de deffm geometrique
et induftriel“, welche fchon von der Ausftellung 1867 her vortheilhaft bekannt
war. Gleichzeitig waren auch die dazu gehörigen Modelle (in Gyps und Blech)
ausgeftellt. Erwähnung verdient dann auch „Deffin lineaire induftriel applique
a la mechanique et a la conftrucftion par M. S. Petit.“ Von Modellen zur dar-
ftellenden Geometrie find noch zu verzeichnen: zweckmäfsig zufammengeftellte
Colletftionen von Rives, Delagrave, A. Julien 11. A. Befonderes oder Neues
boten fie nicht. — Hachette & Comp, hatte Holzmodelle für darftellende Geo
metrie und Steinfchnitt-Conftrucftionen und kleine Mafchinenmodelle exponirt.
Diverfe Modelle für Schloffer, Tifchler, Mafchinenarbeiter etc. waren von der
ecole profeffionelle in Evreux zur Ausftellung gefandt-
Wir wollen uns nun, da wir die neuere Richtung der Vorlagewerke im
Allgemeinen gekennzeichnet haben, den Schulen, refpecftive dem Unterrichte im
Zeichnen felbft zuwenden, und in den zugleich vorgelegten Schülerzeichnungen
die Methoden, Einrichtungen, Beftimmungen etc• näher in Betracht ziehen.
Es ift bekannt, dafs das Unterrichtswefen in Frankreich noch heute Vieles
zu wünfchen übrig läfst und trotz den Anftrengungen der Regierung, der Gemeinden
und humanitären Gefellfchaften die allgemeine Volksbildung noch eine fehr
mangelhafte ift. Der Schulzwang ift nicht durchgeführt, und fo kommt es, dafs
felbft in der Metropole, in Paris , es in den Elementarfchulen zur Seltenheit
gehört, wenn von der ärmeren Claffe Kinder mehr als drei Jahre dem Unterrichte
beiwohnen. Nach den Daten eines Berichtes der Handelskammer in Paris vom
Jahre 1864 wurden fchon damals durch die Fabriken und fonftigen Etabliffements
in Paris 25.000 Kinder im Schulalter dem Unterrichte entzogen; diefe Zahl hat
fich aber bis heute noch bedeutend vermehrt. * Dafs dem Zeichenunterrichte
fomit in der Volksfeinde keine hervorragende Rolle zufällt , wird begreiflich
•erfcheinen. Trotzdem wird aber der Gegenftand an vielen Anftalten (als unobligat)
geübt, und ift fpeciell in Paris an den Municipalfchulen für jedes Arrondiffement
ein eigener Zeichnenlehrer angeftellt.
Ungleich beffer und fyftematifcher wird das Zeichnen an jenen Elementar
fchulen gepflegt, welche durch die frkres chretiens beftellt find. Obfchon auch
hier die Methode der freien Wahl der betreffenden Lehrer überlaffen bleibt, fo
hat fich im Allgemeinen denn doch durch die von der Congregation felbft heraus
gegebenen Vorlagen und Schulen ein gewiffes Syftem eingebürgert, welches mehr
oder minder erfolgreich durchgeführt wird. Die Kinder beginnen im Durchfchnitt
* Einem Berichte der Societe pour l’inftruction elementaire vom Jahre 1S70 zu Folge
■erhalten in Frankreich überhaupt 2 Millionen Kinder gar keinen Unterricht, und gibt es
14 Millionen Erwachfene, die weder lefen noc^ fchreiben können.
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