80
J. Langt.
Ungleich gediegenere Leiftungen waren vom „Lycee national“ ausgeftellt,
aber auch wieder vorwiegend im Linearzeichnen. An dem Inftitute ift F. Motta
als Lehrer in den Zeichenfächern thätig, deffen ganz gediegene Werke für den
Zeichenunterricht an Lyceen ebenfalls Vorlagen. Sein „Compendio de defenho
linear“ verfolgt denfelben Weg, nach welchem J. Picard’s Werk angelegt ift. Es
wird fyftematifch die Geometrie, Projedtionslehre und Geometrie behandelt und
dann auf praktifche Fälle aus der Bau- und Mäfchinenkunde übergegangen. Im
Freihand-Zeichnen beginnt der Curs mit quadrirten Heften und fteigt von der
geometrifchen Form zum Ornamente auf, welchem aber bei Motte kein ausgefpro-
chener Stil zu Grunde liegt. Die exponirten Zeichnungen zeigten, dafs bis zum
Contourornamente in der richtigen Weife vorgegangen wird; nur fanden fich
häufig gefchmackswidrige Formen darunter. Mangelhaft waren die Proben aus
dem figuralen Zeichnen. Im Linearzeichnen war das Mafchinenfach durch einige
fehl- fchön gearbeitete Blätter repräfentirt. Aus der Architektur war aufser einigen
Säulen nichts von Bedeutung vorhanden.
Die „Efcola Normal“ hatte (von Lehrerinen) gut gezeichnete Contour
ornamente nach fchlechten Muftern und hart fchattirte Kreideornamente nach
„Bilordeux“, „Julien“ etc. ausgeftellt. Mit diefen Vorbildern ift wohl kein
Gefchmack zu erziehen! Dasfelbe gilt von den Arbeiten aus dem „Penfionat de
bienfaifance pour jeunes filles“ und der „Efcola regia das Mercieiras“, in welch’
letzterem Inftitut die Wahl der Meifter eher den Gefchmack verderben als ver
edeln müffen.
Von der „Affociation commercial“, die zu Porto ihren Sitz hat und fich um
die Hebung der Kunftinduftrie im Lande fchon manche Verdienfte erworben hat,
war eine Anzahl decorativer polychromer Ornamente (in Gyps und Holz) expo-
nirt, in welchen maureske Formen gelungen nachgeahmt waren. Die Brochuren
über die Thätigkeit der Gefellfchaft waren hinter Glas und Rahmen in der
Induftriehalle ausgeftellt; dem Berichterftatter war es unmöglich, zur Einficht in
diefelben zu gelangen.
Amerika.
Von einem unterer hervorragendften deutfchen Kunftgelehrten wurde nach
der erften Weltausftellung in London 1851 der bedeutfame Satz ausgefprochen,
dafs eine Organifation des Kunftunterrichtes, übereinftimmend mit den Grund-
fätzen, auf welchen der damals von England in Vorfchlag gebrachte Plan gegrün
det war, noch leichter dort durchführbar wäre und beffer wirken könnte, wo keine
alten Kunftüberlieferungen zu überwinden find und die freieften Inftitutionen
beftehen, nämlich in den nordamerikanifchen Freiftaaten. Diefer Satz hat aller
dings feine tiefe Wahrheit; ob aber dem Stande der Dinge nach gegenwärtig
fchon ein Unternehmen in diefer Hinficht von Erfolg fein kann, wäre in Frage zu
ftellen. So lange Amerika noch in der Entwicklung lebt, fo lange ausfchliefslich
der Materie nachgejagt wird und alle Kräfte darin angefogen werden, gibt es
keine idealen Tendenzen; und wenn hie und da Anregungen dazu ftattfinden, fo
werden nur die von Europa herübergezogenen Traditionen weiter zu fpinnen
verflicht, welche aber in der fremden Atmofphäre eher noch verkümmern oder
entarten als emporblühen können. Was Amerika in der Kunft und vorzugsweife
in der Plaftik producirt, ift europäifchen Urfprungs; die Induftrie geht mehr auf
das Praktifche als künftlerifche aus mnd ift von einer behinderen Gefchmacks-
richtung noch keine Rede. Die Hauptftädte Europas werden den Luxus für
Amerika auch noch weiterhin zu beforgen haben.
Am eheften könnte fich vielleicht noch in der Baukunft ein felbftftändiger
Charakter entwickeln; bis jetzt zeigt aber auch fie nur europäifche Motive, die
oft als Kleid den kühnften Conftrudtionen in Folge der reicheren Mittel pompös