Die chemifche Induftrie.
erforderlich und darin liegt mit Rücklicht auf den hohen Preis des Jods ein erheb
licher ökonomifcher Vortheil; man bedarf ferner der Arfenfäure nicht dazu, die
zur Bereitung des Fuchfms, alfo indiredt zu der des Jodvioletts gebraucht wird,
und darin liegt ein beachtenswerther, fanitärer Vortheil, auf den wir noch fpäter
zurückkommen. Der hohe Preis des Jods hat übrigens Anlafs zu Verfuchen gege
ben, das koftfpielige Jodmethyl bei Bereitung des Jodvioletts ebenfo wie bei der
des Jodgrüns durch andere Methylpräparate zu erfetzen und dabei hat das Methyl
nitrat die beften Refultate gegeben. Aehnlich wie das Jodviolett ift auch das
Methylanilin-Violett der Ausgangspunkt zur Herftellung einer prachtvollen,
grünen Farbe geworden, des fogenannten Methylgrüns, das fich dem Jodgrün an
die Seite ftellt.
Ein weiterer fehr erfreulicher Fortfehritt in der Induftrie der Anilinfarben
befteht in der nunmehr begründeten Hoffnung, die giftige Arfenfäure, deren man
fich gegenwärtig noch fall allgemein zur fabriksmäfsigen Darftellung des Fuchfms
bedient, durch das für die Gefundheit ungefährliche Nitrobenzol erfetzen zu kön
nen. Bisher find zur Bereitung des Fuchfms in grofsem Mafsftabe aus dem käufli
chen Anilinöl, das ein Gemenge von Anilin, Toluidin und Pfeudotoluidin in wechfeln-
dem Verhältniffe zu fein pflegt, lediglich nur Zinnchlorid (V erguin), Queckfilber
nitrat (Gerber-Keller), Salpeterfäure (Depouilly und Lauth), endlich
Arfenfäure (M e d 1 o c k, N i c h o 1 f o n, Gi r a r d und de L ai r e) zur Anwendung
gekommen, und zwar hat das letztere Verfahren allmälig alle übrigen in den Hinter
grund gedrängt. Es gibt aber aufser den genannten noch eine grofse Zahl anderer Sub-
ftanzen, die bei ihrer Einwirkung auf Anilinöl Fuchfin hervorbringen, z. B. Kohlen
tetrachlorid, Eifenfesquichlorid, Kupferchlorid, Queckfilberchlorid, Antimonpenta-
chlorid, Zinnbromid, Queckfilberbromid, Zinnjodid, Zinnfulfat, Queckfilberfulfat,
Eifenfesquinitrat, Bleinitrat, Silbernitrat, Nitrobenzol neben Eifen- und Salzfäure
u. f. w. Das letzterwähnte Verfahren wurde von Coupier 1866 vorgefchlagen und
fein Erfolg von Schützen berge r günftig beurtheilt (ein ähnliches Verfahren,
wobei aber kein Eifen zugefetzt wird, hat H 011 i d ay angegeben), doch fcheint es
in Fabriken bisher keinen Eingang gefunden zu haben. Erft in neuefter Zeit ift es
den Bemühungen der F abrikanten M e i ft e r, Lu c i u s und B r ü n i n g gelungen, ein
demfelben Princip wie das Coupier’fche beruhendes Verfahren in grofsem Mafs
ftabe durchzuführen und man darf daher jetzt erwarten, die Arfenfäure von ihrer
gegenwärtig fehr bedeutenden Anwendung bald wieder ausgefchloffen zu feilen.
Es ift diefs nicht allein für die Gefundheit der in Fuchfinfabriken befchäftigten
Arbeiter, fondern auch für das grofse Publicum fehr wünfehenswerth, da ein von
der Bereitung herrührender, kleiner Arfengehalt in dem käuflichen Fuchfin fehr
häufig anzutreffen ift und bei den zahlreichen Verwendungen diefes prachtvollen
Farbftoffes nicht feiten üble Folgen herbeiführen kann.
Die bedeutende Anilinfarben-Induftrie Englands war auf der Ausftellung
gar nicht vertreten, dagegen haben fich Deutfchland, Frankreich und die Schweiz
in ausgezeichneter Weife betheiligt. Deutfchland foll gegenwärtig ungefähr die
Hälfte der Gefanimtproducftion hervorbringen und hat einen bedeutenden Export.
Einzelne deutfehe Fabriken erzeugen nicht weniger als 10 Centner Fuchfin täg
lich. Um diefe Ziffer zu würdigen, mufs man fich gegenwärtig halten, dafs, um
einen Centner Fuchfin zu erzeugen, zwei Centner Rohanilin erforderlich find, zu
deren Darftellung man etwa 9° Centner Theer braucht, welche ihrerfeits durch
Deftillation von circa 3000 Centner Steinkohlen gewonnen werden. Die Anilinöl-
Produftion in Deutfchland hat nach Angabe des amtlichen Kataloges von 10.000
Centner im Jahre 1867 auf jetzt ungefähr 25.000 Centner zugenommen, dochmüffen
zur Deckung des deutfehen Farbenfabrications-Bedarfes noch aufserdem 10.000
Centner Anilinöl aus dem Auslande bezogen werden. In Oefterreich hat dieFabri-
cation der Anilinfarben noch nicht Eingang gefunden. Als Grund wird angegeben,
dafs der in Oefterreich gewonnene Theer verhältnifsmäfsig wenig Benzol enthalte,
daher nicht fonderlich geeignet zur Erzeugung von Anilinöl fei. Diefes Argument