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Dr. Adoif Lieben.
Das angewandte Verfahren ift im Princip keineswegs neu. Schon 1838 nahmen
H e m m i n g und Dyar in England ein Patent auf Darftellung von Soda aus Koch
falz 'mittelft Ammonbicarbonat. doch erlangte die vorgefchlagene Methode keine
induftrielle Bedeutung und gerieth bald in Vergeffenheit. Es ift wefentlich Schlö-
fing's Verdienft, fie wieder zur Geltung gebracht und im Vereine mit Rolland
praktifch durchgeführt zu haben. Nachdem er 1854 ein Patent für Frankreich und
Grofsbritannien genommen, und fich zur Benützung desfelben eine Gefellfchaft in
Paris gebildet hatte, errichtete er 1855 in Gemeinfchaft mit dem Ingenieur Rolland
in Puteaux bei Paris eine Sodafabrik, die fich durch neue, eigens für den Zweck
conftruirte Apparate und wohldurchdachtes Ineinandergreifen der Operationen aus
zeichnete. DieFabrik producirtein den erften 14 Monaten ihresBeftehens86.000,
in den folgenden 10 Monaten 230.000 Kilogramm Soda von grofser Reinheit.
Sie war jedoch lediglich nur als Verfuchsfabrik betrieben worden und weder ihre
Einrichtungen noch ihre örtliche Lage für lohnende Produktion befonders geeignet ;
dazu kam noch die fchwer wiegende Thatfache, dafs alles confumirte Salz ver-
fteuert werden mufste, während bei dem angewandten Verfahren ein Drittel des
Salzes verloren ging. Unter diefen Umftänden wurde die Fabrik wieder aufge
geben und die Gefellfchaft löfte fich auf. In einer werthvollen Abhandlung (Annales
de Chimie et de Phyfique [4] B. 14, Seite 5 bis 63) legten Schlöfing und
Rolland die Refultate ihrer angeftrengten Bemühungen und alle beim Betriebe
im Grofsen gefammelten Erfahrungen nieder. War fonach der erfte Verfuch, den
Ammoniakprocess für Sodafabrication in die Grofsinduftrie einzuführen, wenn
auch vielleicht nur aus äufseren Gründen, nicht vollftändig gelungen, fo kann heute
an der Möglichkeit, denfelben praktifch anzuwenden, kein Zweifel mehr beftehen.
Schon auf der Parifer Ausheilung 1867 hatte der oben genannte belgifche Fabri
kant Solvay auf diefe Weife eizeugte Soda ausgeftellt, ohne dafs fich die allge
meine Aufmerkfamkeit damals diefer Sache, ihrer Wichtigkeit entfprechend, zuge
wendet hätte. Seitdem hat aber die Fabrik fich nicht nur erhalten, fondern, wie
es fcheint, ihre Produktion noch beträchtlich erhöht.
Das Ammoniakverfahren beruht darauf, dafs fich beim Einleiten von Kohlen
fäure in eine mit Ammoniak gefättigte Kochfalz-Löfung fchwer lösliches Natrium-
bicarbonat niederfchlägt, während das zugleich entfliehende Chlorammonium neben
unzerfetztem Kochfalz und etwas Ammonbicarbonat in Löfung bleibt. Durch
Erhitzen des gefällten Natriumbicarbonats wird Soda gewonnen, während Kohlen'
fäure entweicht, die man zum Einleiten in neue Salzlöfung verwendet. Aus der
chlorammoniumhaltigen Löfung wird zunächft Kohlenfäure und Ammoniak durch
Erhitzen, dann das Ammoniak des Chlorammoniums mittelft Kalk ausgetrieben und
zur Wiederholung des Proceffes eine frifche Kochfalzlöfung damit gefättigt.
Wenn nun auch bei der praktifchen Durchführung manche complicirende Details
hinzutreten, fo ift doch nur eine Schwierigkeit von gröfserer Bedeutung abzufehen,
welche fich den offenbaren aufserordentlichen Vortheilen diefes Verfahrens, die
im Vergleich mit der Le Blanc’fchen Methode in der viel direkteren Bildung und
Gewinnung der Soda, dem relativ viel geringeren Anlagecapital und fehr Viel
geringeren Kohlenverbrauche liegen, gegenüberftellt. Diefe Schwierigkeit liegt in
den nicht leicht zu vermeidenden Ammoniakverluften. Nach der oben gegebenen
theoretifchen Darlegung follte freilich diefelbe Ammoniakmenge zur Darftellung
unbegrenzter Mengen von kohlenfaurem Natron genügen, da eigentlich nur Chlor
natrium, Kohlenfäure und Kalk (zur Regeneration des Ammoniaks aus Chlor
ammonium) nothwendig verbraucht werden. Indeffen läfst fich von vornherein
kaum anders erwarten, als dafs man fich diefem Ideal in der Praxis nur nähern
kann, ohne es doch vollftändig zu erreichen. Da nun das Ammoniak und feine
Salze rverthvolle Produkte find, die eine ausgedehnte Anwendung finden und deren
Verbrauch noch immer zunimmt, fo würde ein erheblicher Ammoniakverluft die
Rentabilität der neuen Sodafabrications-Methode wefentlich beeinträchtigen und
deren allgemeinen Einführung um fo mehr hinderlich fein, als dadurch die Preife