Die chemilche Induftrie.
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der Ammonfalze noch immer höher fteigen miifsten. Schon die nächften Jahre
dürften die endgiltige Entfcheidung darüber bringen, ob das Problem, an deffen
Durchführbarkeit vom theoretifchen Standpunkte kein Zweifel befteht, auch als
praktifch und finanziell befriedigend gelöst zu betrachten ifl, wie es gegenwärtig
allen Anfchein hat, und in diefem Falle dürfen wir einer [bedeutenden Umwäl
zung in der chemifchen Induftrie entgegenfehen. Die Salzfäure, die bisher in
Mafien als Nebenprodukt der Sodafabrication gewonnen wurde, würde dann im
Preife fteigen, die übliche Darftellung des Chlors aus Salzfäure und Braunftein,
bei der nur die Hälfte der angewandten Salzfäure als Chlor verwerthet wird,
miifste aufgegeben und entweder durch die altbekannte Methode mit Kochfalz,
Schwefelfäure und Braunftein, oder andere Methoden (Einwirkung von Chlor-
magnefium auf Braunftein u. f. w.) erfetzt werden. Jedenfalls ift die Tragweite
der zwar mehr als 30 Jahre alten, aber doch erft in den letzten Jahren durch
S o lvay zu praktifcher Bedeutung gelangten Entdeckung, Soda aus Kochfalz durch
Ammonbicarbonat darzuftellen, eine aufserordentlich grofse. Die mächtige Bedeu
tung der Sodainduftrie ergibt fich von felbft bei Betrachtung folgender, der
Wagner’fchen Technologie (1873) entnommenen Zahlen, welche zugleich zeigen,
wie viel für Oefterreich in diefem Induftriezweige noch zu thun bleibt:
Sodaproduktion von Grossbritannien (1872) . . . 7,350.000 Centner.
„ „ Frankreich ... 2,300.000 „
„ „ Deutfchland „ . . 2,100.000 „
„ „ Oefterreich „ ... 385.000
In naher Beziehung zur Sodafabrication, wie fie nach Le Blanc’s \ er
fahren heute noch fall allgemein im Betrieb ift, fteht die Erzeugung des Chlorkalkes,
der zum Desinficiren, befonders aber zum Bleichen eine bekanntlich fehr aus
gedehnte Anwendung findet. Aus der Salzfäure, die man dort als Nebenprodukt
in grofsen Maffen gewinnt, wird durch Einwirkung von Braunftein Chhor ent
wickelt, das vom Kalk aufgenommen wird und ihn in Chlorkalk verwandelt. .Seit
der Weltausftellung von 1867 und auch feit lange vorher hat rückfichtlich der
Bereitung des Chlorkalks wie des Chlors keine erhebliche Veränderung in der
Induftrie Platz gegriffen. Doch verdient der 1870 gemachte Vorfchlag Deacon s
hier Erwähnung, das Chlor ohne Hilfe von Braunftein durch die oxydirende
Wirkung der Luft auf gasförmige Chlorwafferftofffäure zu erzeugen. Man läfst
nämlich ein Gemenge von ChlorwafTerftoffgas und Luft bei 370 bis 400 Grad
über Ziegelftückchen oder poröfe Thonkugeln ftreichen, die mit Kupfervitriol
getränkt und dann fcharf getrocknet worden find; Chlor wird frei, das von
beigemengter unveränderter Chlorwafferftofffäure durch Wafchen mit Waffer
gereinigt wird. Das Deacon’fche Verfahren hat bereits Eingang in die Praxis
gefunden, dürfte aber wohl noch eine weitere Ausbildung nöthig haben, ehe es
die alte Bereitungsweife des Chlors verdrängen kann.
Indem wir einzelne Entdeckungen von minder allgemeinem Intereffe über
gehen, um nicht den weiter folgenden Specialberichten über die einzelnen
Sektionen der chemifchen Gruppe vorzugreifen, fei hier nur mit wenig Worten
des Ozokerites (Erdwachs, Haupt-Fundort Galizien) gedacht, als eines für Oefter
reich nicht unwichtigen Rohproduktes, deffen Verarbeitung und Anwendung fchon
in dem Berichte über die Ausftellung von 1867 befprochen worden ift, feitdem aber
an Bedeutung wefentlich zugenommen hat, * — ferner des von der Sarg’fchen
* Um Irrthümern vorzubeugen, mag bei diefer Gelegenheit erwähnt fein, dafs die
von dem englifchen Fabrikanten Fielet ausgeftellten fogenannten Ozokeritkerzen nach der
gedruckten eigenen Anzeige des Fabrikanten nicht eigentlich aus Ozokerit, fondern aus dem
feften Theile des durch Deftillation aus Ozokerit erhaltenen Produktes — das ift aber nichts
Anderes als Paraffin — gefertigt find. Da der Name Paraffin nicht eine beftimmte Sub-
ftanz, fondern ein variables Gemenge von feften Kohlenwafferftoffen der allgemeinen Formel
CnH2n-j~2 bezeichnet, fo mag immerhin das aus Ozokerit gewonnene Paraffin einen höheren
Schmelzpunkt haben, als das gewöhnliche. Im Uebrigen ift diefe Anwendung des Ozokerits
nicht neu.