Allgemeine Bewaffnung und Artilleriewefen.
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„Palmcrantz & Winborg“ manifeftirt worden. Die Erfinder hatten in rich
tiger Erkenntnifs der Schwächen diefer Waffen denfelben ein mehr offenfives
Element beizubringen verflicht, indem fie ihre Mitrailleufe fo mobil als mög
lich machten, find aber hiebei unteres Erachtens nach zu weit gegangen, indem fie
nunmehr mit balliftifchen Mängeln, eine Folge der zu grofsen Gewichtsvermin
derung des Syflems, zu kämpfen haben.
Wir kommen jetzt zu dem Capitel der fchweren Gefchütze:
Wie auf keinem anderen Gebiete des Waffenwefens zeigte fich hier der
Fortfehritt feit der letzten Parifer Ausftellung; die Technik hat in diefer Richtung
wahrhaft Erftaunliches geleiftet, und wir dürfen Angefichts der Schöpfungen,
welche Krupp, Rufsland und Schweden vorgeführt haben, ungefcheut aus-
fprechen, dafs die Erwartungen der Fachmänner weit übertroffen wurden.
Diefs betrifft vor Allem die Rohre, deren Material und Conftrudtion den
an Panzergefchütze zu Heilenden Anforderungen an balliftifchem Effedle und
Ausdauer entfprachen. Sie fchiefsen bei grofsen Porteen mit befriedigender Prä-
cifion , und entwickeln im Auffchlage jene enorme Wirkung, die zur Erfüllung
ihrer Aufgabe nothwendig ift.
Vollftändig kann diefer Grad an balliftifcher Leiftung indeffen nur den
Preffionsgefchützen zuerkannt werden; die englifchen Vorderlader und die nach
franzöfifchem Syftem conftruirten fchwedifchen Hinterlader flehen darin den erft
genannten Gefchützen nach, auf den nahen Diftanzen allerdings nur unmerklich,
aber mit Zunahme der Entfernung verlieren fie rafcher an Präcifion und Percuffion.
Die Rohre waren durchgehends beringt und bei den deutfehen,
ruffifchen und englifchen Gefchützen der innere Rohrkern aus Stahl, bei
den fchwedifchen ausGufseifen hergeftellt; die deutfehen und ruffifchen
Gefchütze hatten keine Hinterwucht, eine das fchnelle Richten wefentlich erleich
ternde , und doch die Schufsrichtigkeit nicht beeinträchtigende Conftnuftions-
Verbefferung.
Die Hinterladungsrohre der Deutfehen undRuffen waren mit
dem Krupp’fchen Rundkeil verfehen, deffen Fundionirung und Handhabung
nichts zu wünfehen übrig läfst. Der franzöfifche S chraub enverfchlufs,
dem wir in drei Modificationen begegneten , bietet zwar den Vortheil kürzerer
Rohre und der Verminderung der axialen Anftrengung derfelben , verlangfamt
aber die Bedienung des Gefchützes und in Folge deffen die Feuerfchnelligkeit,
ein Nachtheil, der fich gerade im entfeheidenden Gefechte bemerkbar machen mufs.
Die Armftrong’fche Modificätion des Schraubenverfchluffes ift unftreitig
die belle, und doch erfordert fie noch immer eine längere Zeit zur Schufsbereit-
fchaft als der Rundkeil.
Das am meiften verbreitete Dichtungsmittel war der B r o a d w e 11 r ing ;
nur Schweden und England wenden ihn nicht an. Die englifche Pappedich
tung dürfte wohl als die primitivfte und unverläfslichfte zu bezeichnen fein.
Laffeten. Das Material derfelben war durchgehends S c hm i e d e e ife n
und nur G rufon hatte gufseiferne Laffeten ausgeftellt.
Die exhibirten Schiffs- und Küftenlaffeten können allerdings hinfichtiich
ihrer Bauart nach bisherigen Begriffen nicht eben einfach genannt werden, wenn
gleich fie blofs mit jenen Mechanismen ausgeftattet waren, welche die rafche und
anftandslofe Bedienung der fchweren Gefchütze ermöglichen. In diefer Beziehung
zeichneten fich die Krupp’fchen Fabricate fowohl in Bezug der Solidität der
Arbeit als auch der Zweckmäfsigkeit der Bewegungsmechanismen aus. Unter
letzteren find alle jene Vorrichtungen zu verftehen, welche zum Geben der
Höhen- und Seitenrichtungen, zum Einholen und Vorführen der Gefchütze und
endlich zur Schwächung und Begrenzung des Rücklaufes gehören.
Zum Geben der Höhenrichtung war fall allgemein dieZahnbogen-
Richtmafchine angewendet, und wurde als die zweckmäfsigfte derfelben viel
fach die an den Grufon’fchen Laffeten angebrachte bezeichnet, welche