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Full text : Die Kurzwaaren-Industrie (Gruppe X), offcieller Ausstellungs-Bericht

KINDER-SPIELWAAREN.

(Gruppe  X,  Seetion  7.)

Bericht  von
D R  Carl  Th.  Richter,
k.  k.  o.  Ö.  Profejfor  der  Staatswiffenfchaften  an  der  Univerßtät  zji  Prag.

Wenn  wir  in  der  Gefammtheit  der  Induftrie  Fortfehritte  aller  Art  in  einem
beftimmten  Zeiträume  kennzeichnen,  fo  vermögen  wir  ficher  auch  immer  die
Gründe  und  Veranlaffungen  derfelben  ficher  zu  Hellen.  Bald  ift  es  ein  neuer
Markt,  alfo  das  Auftreten  neuer  Confumenten,  bald  ift  es  die  Entwicklung  der
Technik,  alfo  eine  Neugeftaltung  der  Produktion,  bald  endlich  ift  es  das  höhere
geiftige  Leben,  die  Kunft,  mit  welcher  verbunden  die  Induftrie  neugeftaltet
erscheint.  Bei  jeder  Induftrie,  zumeift  bei  der  Grofsinduftrie,  welche  unfer  bedürftiges ­
  Leben  jeden  Augenblick  berührt,  ift  diefs  Alles  am  leichteften  zu  erkennen.
W r elch’  andere  Stellung  aber  nimmt  das  Gebiet  der  Spielwaaren-Induftrie  ein'
Wohl  in  keinem  anderen  Zweige  der  menfchlichen  Arbeit  trifft  man  eine  gröfsere
Mannigfaltigkeit  an  als  in  jenem,  welcher  die  Kinderwelt  in  der  Form  von  Spielzeug ­
  mit  Gegenftänden  der  Anregung  und  Bildung  für  das  wirkliche  Leben  verfieht.
Das  Reich  der  Natur  fowohl,  wie  das  Leben  desMenfchen,  feine  Nahrung,  Kleidung
und  Wohnung,  feine  nützlichen  Befchäftigungen,  kurz  Alles,  was  der  äufseren  Wahrnehmung ­
  fähig  und  zur  plaftifchen  Geftaltung  nur  immer  geeignet  ift,  bietet  der
Spielwaaren-Induftrie  den  Stbff  für  ihre  Darftellungen.  Erzeugt  fie  eine  W r elt  im
Kleinen,  fo  vereinigt  fie  für  die  Arbeit  alle  Gewerbe  und  alle  Arbeitsrichtungen.
Der  Drechsler  und  der  Tifchler,  der  Töpfer  und  Büchfenmacher,  der  Mechaniker
endlich  und  der  Schiftbauer,  fie  treten  dabei  mit  ihrem  beftimmten  Berufe  hervor,
neben  dem  „  Aftelmacher“,  wie  man  in  Böhmen  den  Holzzufchneider  für  den  Spielwaaren-Schnitzer
  nennt,  und  der  kaum  20  bis  30  kr.  Tagelohn  verdient,  bis  zu
dem  Schachtelmacher,  der  das  Dutzend  für  15  kr.  abliefert.
Und  doch,  der  Markt  diefer  Induftrie  ift  fo  eigenthümlich  und  wenn  er  im
Raum  die  ganze  Welt  umfafst,  in  der  Zeit  ift  er  an  die  fchönen  Tage  des  Jahres,
an  die  Feier  des  Chriftfeftes.  an  den  Namens-  und  Geburtstag  der  kleinen  Confumenten ­
  gebunden.  Freilich  wird  dann  die  Lieferzeit  mit  einem  kategorifchen
Imperativ  diclirt.  Für  diefe  Zeiten  regt  die  Arbeit  ihre  Hände  und  der  Abfatz
ift  ein  ficherer.  Dann  forgt  auch  wieder  immer  die  glückliche  Ungefchicklichkeit
und  der  kräftige  Geftaltungstrieb  aller  Kinder,  der  in  jungen  Jahren  fich  nur  in  der
Veränderung  der  Form  zeigt,  für  die  Unterftützung  der  Spielwaaren-Induftrie.  Und
feit  Jahrhunderten,  ja  felbft  feit  Jahrtaufenden  mag  es  fo  gewefen  fein.
Es  war  fo,  als  die  Römer  ihre  Kinder  befchenkten  und  am  Namengebungstage ­
  Verwandte,  Freunde  und  Sklaven  den  Kindern  „Creffundia“,  Klapper
zeu g,  oder  „Gnorismata",  W'iedererkennungszeichen  zum  Gefchenke  gaben  oder
um  den  Hals  hängten.  Es  war  fo,  als  die  Griechen  Schildkröten,  Hafen,  Affenmütter ­
  mit  ihren  Jungen  im  Arm,  welche  in  ihren  hohlen  Körpern  klappernde
Steinchen  bargen,  für  ihre  Kinder  erzeugten.  Liebten  fie  doch  die  Erzeugung
            
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