Die chemifche Grofsinduftrie.
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Es ergibt (ich nun zunächft die Frage, wie viel Kochfalz in den Sodafabriken
verbraucht wird, um diefe Menge von Salzfäure zu erzeugen? Bei Beantwortung
derfelben wird nicht fo fehr die gröfsere oder geringere Reinheit des Salzes in
Betrachtung kommen, als vielmehr die richtig durchgeführte Zerfetzung desfelben
im Sulfatofen und die vollftändige Condenfation der entwickelten Salzfäure, bei
welcher es fich wieder nicht fo fehr um eine vollftändige Condenfation ä tout prix
handelt, welche ja unter allen Umftänden möglich ift, als eine derartige Durch
führung desCondenfationsproceffes, dafs möglichft viel concentrirte, direkt zur Chlor
entwicklung geeignete Säure erhalten werde, und nur wenig in den Wafchthürmen
als verdünnte Säure niedergeht. Diefe Aufgaben werden durch das Weldon’
fche Verfahren wefentlich dadurch unterftützt, dafs zur Zerfetzung des regenerirten
Braunfteines eine mäfsig concentrirte Salzfäure genügt.
Wären alle Materialien chemifch rein und gingen die Proceffe ganz glatt,
den theoretifch berechneten Zahlen entfprechend, vor fich, fo wäre zur Darftellung
der obengenannten für eine Tonne Chlorkalk nöthigen Menge von 2832 Pfund
reiner Chlorwafferftoff-Säure, 45 Centner 38 Pfund Chlornatrium nöthig. Die
Condenfation der Säure wurde in Folge der Alcali-Akte in England fo
verbeffert, dafs fich die Verlufte an diefer Säure gegenwärtig in gut geleiteten
Fabriken nur auf Bruchtheile von Percenten veranfchlagen laßen, und nach
C. Clapham ift kaum zu zweifeln, dafs die oben angeführte Menge von 2832 Pfund
reiner Chlorwafferftoff-Säure „von je 46 Centner zerfetzten Kochfalzes verdichtet
wird“. Nach Weldon ift aber die in Sodafabriken condenfirte Säure mit Aus
nahme von 2 bis 3 Percent vollkommen geeignet, um in die Chlorbereitungs-Blafen
gebracht werden zu können.
Die Menge von 2832 Pfund Salzfäure, welche als zur Bereitung von einer
Tonne Bleichkalk nothwendig, angegeben wurde, liefse fich übrigens wohl um
eine beträchtliche Summe vermindern, da immer eine grofse Menge von freier
Salzfäure aus den Blafen abfliefst, welche dann fpäter durch einen Ueberfchufs
von Kalk neutralifirt werden mufs.
Weldon felbft gibt an, dafs viele Fabrikanten Englands, nach feinem Ver
fahren arbeitend, für je 56 Centner zerfetzten Kochfalzes eine Tonne Bleichkalk
erzeugen, was obigen berechneten Zahlen entfprechend, nur einen ganz geringen
Mehrbedarf erfordert, der übrigens zum Theil auf Rechnung der Feuchtigkeit und
der Verunreinigung des Kochfalzes zu fetzen ift.
Weldon’s Verfahren geftattet fomit einen geringeren Verbrauch von
Salzfäure, beziehungsweife eine belfere Ausnützung der als Nebenprodukt der
Sulfatbereitung fallenden Säure, allein das erfte Ziel W e 1 d o n’s war doch die
Erfparnifs an Braunftein und in diefer Beziehung gibt er Folgendes an:
Die Koften, welche gegenwärtig die für eine Tonne Bleichkalk nöthige
Menge von natürlichem Braunftein in England verurfachen, betragen 5 Pfund
Sterling 12 Shilling (56 fl.) und finken bei Anwendung des Regenerationsver
fahrens auf i Pfund 10 Shilling bis 2 Pfund Sterling (15 bis 20 fl.).
Der thatfächliche Verluft an Manganfuperoxyd, welcher beim Regenerations
verfahren beobachtet wird, beträgt bei fehr forgfältiger Arbeit höchftens 3 Percent.
Im Durchfchnitte jedoch, gegenwärtig, 7 Percent, das heifst; wenn 100 Tonnen
Bleichkalk dargeftellt werden, find heben davon durch das mit natürlichem
Braunftein erzeugte Chlor, dargeftellt. Die Menge von Kohle, welche verbraucht
wird, beziffert fich auf 12 Centner per Tonne Bleichkalk und die Menge von Kalk
ebenfalls auf 12 Centner und von Kalkftein auf 4 Centner.
Der mit Chlor durch W e 1 d o n’s Calciummanganit erhaltene Chlorkalk ift
angeblich reiner und hochgradiger, als bei Anwendung von nativem Braunftein,
da das Chlor felbft reiner und frei von Kohlenfäure ift. Das neue Verfahren
wird in England bereits für die jährliche Erzeugung von 50.000 Tonnen oder
1000.000 Centner Chlorkalk verwendet, und foll bald für weitere 25.000 Tonnen
in Betrieb treten.
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