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Alfred Klaar.
forfchung, mit der Maffenproduction auf.belletriftifchem Gebiete ftellte fich die
Nothwendigkeit heraus, Verlagsgefchäfte auf ein beftimmtes Gebiet der gerftigen
Produktion einzufchränken; denn dem Verleger ift ein Mafs des Verftandmffes für
feine Verlagsartikel nothwendig, das er gegenwärtig nur noch in einer beltimm-
ten Richtung erreichen kann.
Literarifche Bewegung im Auslande.
Verfuchen wir den Geift jener drei Literaturen zu kennzeichnen, die ver
eint mit der deutfchen den nachhaltigften Einflufs auf die Cultur ausüben nam ich
der franzöfifchen, englifchen und italiemfchen, fo kann diefs felbftverflandlich
nur in grofsen Umriffen und nur fragmentarifch gefchehen. Das Gebiet ift zu grofs,
die Arbeit auf denselben viel zu verzweigt, um in dem Rahmen eines Ausftellungs-
berichtes beherrfcht zu werden, und überdiefs find die Anhaltspunkte, welche in der
Ausftellunti felbft gegeben wurden oder aus vereinzelten Katalogen und Nachweifen
der Verlagsfirmen zu fchöpfen find, keineswegs deutlich, feit und untrüglich.
In Frankreich haben die fo bedeutungs- und verhängmfsvollen bchick-
fale der Nation eben fo wenig grofse Veränderungen auf dem Gebiete der fchonen
Literatur hervorgebracht, wie die grofsen Siege und politifchen Erfolge in
Deutfchland. .. ... .
Es bewährt fich hier wieder die alte Wahrnehmung, dafs grolse politiiche
Umwälzungen in der fchonen Literatur keinen unmittelbaren Widerhall fondern
erft einen fpäten Nachhall finden; dafs, wenn nach Goethe’s Wort, die Mufe den
Einzelnen zu begleiten, doch zu leiten nicht verlieht, fie den Nationen auf den
Wegen einer jähen Entwicklung erft aus weiter Entfernung nachzufolgen vermag.
Das Unglück der grofsen Nation hat wohl zahlreiche gedruckte Ausbrüche des
Zornes Pamphlete und Schmähfchriften, aber kaum eine bedeutungsvolle Dichtung
hervorgebracht Wer vielmehr die belletriftifchen Leiftungen feit dem Jahre 18Ö7
überblickt, der findet, dafs fie fich feitab von den welterfchütternden Bewegungen
der Jahre 1870 und 1871 in derfelben Richtung fortbewegen, zu der die demora-
lifirende aber efpritvolle, keineswegs veredelnde, aber vielfach das Raffinement
verfeinernde Zeit des zweitenKaiferthums den Anltofs gegeben. Diefs gilt wenig-
(lens vom Roman und vom Drama, in welchen Dichtungsarten quantitativ am
meiften geleiltet worden ilt. In der Lyrik herrfchte ein älterer Einflufs, der der
abenteuerlich-romantifchen Schule ViÄor Hugo’s vor, ohne dafs Meifter oder
Tünger es über vergängliche Schöpfungen hinausgebracht hätten. Im Jahre 1871
fprach ein Franzofe, Philarete Charles, das harte Unheil über feine Landsleute
aus: Vergebens fehe ich mich nach irgend einem Buche von hohem Werthe und
moralifchem Inhalte, einem Stücke guter Dichtung oder Gefchichte um.“ Wenn
auch diefe von patriotifchem Schmerze eingegebene Aeufserung als hart und
einfeitig bezeichnet werden mufs, fo ilt fie doch infofern anwendbar auf unfere
Ueberficht, als den meiften Werken der fchonen Literatur feit dem Jahre i8b7
trotz aller’technifchen Vorzüge, trotz der gefteigerten Virtuofität in der Erfindung,
in der Detailmalerei, in der kühnen Ausmalung focialen Elends, und trotz der
anfcheinend patriotifchen Tendenz, fall durchwegs der fittliche Halt und die
geiftige Hoheit und fomit auch die Grundbedingung für die Erfüllung eines blei
benden Culturberufes abgeht. ' . f ,, .
Am deutlichften prägt fich die zerfetzende und wenn auch nicht lelblt
entfittlichende, fo doch die Enlfittlichung fpiegelnde Richtung der neufranzofifchen
Literatur auf dramatifchem Gebiete aus. Das Ehebruchs- und Loretten-Drama,
vertreten durch den efpritvollen Sardou, den philofophifchen Dilettanten Dumas
fils Feuillet und Augier, nimmt faft ausfchliefslich das Intereffe in Anfpruch, und
Verfuche an das claffifche franzöfifche Drama anzuknüpfen, fei es durch Original,
dichtungen, wie Viflor Laprade eine in feiner antik gehaltenen Tragödie
Harmodius“ geliefert hat, fei es durch die Auffrifchungen von Aefchylos, die