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Full text: Allgemeine Bildungsmittel (Gruppe XXVI, Section 6), officieller Ausstellungs-Bericht

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Dr. Carl Th. Richter. 
der Billigkeit des Baugrundes und zuletzt auch des Baumateriales, denn die 
Colonie hat ihre eigenen Ziegeifchläge und Steine zur Genüge, verfuchte man, 
als das Bedürfnifs nach folchen Häufern immer gröfser wurde, einen noch coia- 
fortableren, aber auch verfchwenderifchen Bau. Die dritte Art der Coloniehäufer 
hat zwei in der Gaffenfront gelegene Zimmer, deren Thüren rechts und links vom 
Herde in die Küche münden. Von diefer aus gelangt man in die Speifekammer 
und in ein drittes zu einer Arbeiterwohnung gehöriges und an ledige Arbeiter 
vermiethbares Stübchen. Zu jedem Haufe gehören noch IO Quadratklafter Hof, 
in welchem der Düngerhaufen, ein Schweine- und ein Hühnerflall feinen Raum 
hat. Der Hof liegt gewöhnlich vor dem Theil des Haufes, durch welchen der 
Zugang zu demfelben ftattfindet. Die Fenfter der Wohnzimmer dagegen gehen in 
einen Garten, der in einem Mafse von circa loo Quadratklaftern gleichfalls jedem 
Haufe zugetheilt ift und je nach Bedarf, und wir können es fagen, auch Bildung, 
theils als Blumengarten und fomit als Unterhaltungsort, theils als Gemüfegarten 
und fomit als wirthfchaftliche Nutzung verwerthet wird. Alle Häufer find Doppel- 
häufer, fo dafs je zwei eine gemeinfchaftliche Seitenwand haben. Im Jahre 186S 
beftanden 166 folche Häufer, 1870 fchon 210 und heute 226, von denen 49 bereits 
Privateigenthum. Sie bilden zufammen die alte Colonie auf dem Bergrücken des 
Kleinbabas- und Kapofstanthales und die Caffiancolonie, an der feit den letzten 
drei Jahren fleifsig gefchaffen wurde, das Andenken des gegenwärtigen Direktors 
auch in diefem Gebiete dauernd zu erhalten. 
Die Donau-Dampffchifffahrts-Gefellfchaft hat die Häufer aus ihrem Fonde 
gebaut und vermiethet fie ausfchliefslich an Arbeiterfamilien. Bei einem Zinfe von 
3 Gulden 15 Kreuzern per Monat für Haus und Garten und mit Abzug aller 
Steuerlaften trägt das darin angelegte Capital 3 bis 4 Percent. Das ift fehr wenig 
bei dem Verdienfte, den man heute aus dem Capit.al zu ziehen fielt gewöhnt hat. 
Aber man darf die Wohlthätigkeit und den Nutzen der Inftitution nicht darnach 
bemeffen. Die Nachfrage nach Wohnungen ift eine fehr bedeutende, denn Jeder 
mann fühlt, wie behaglich es in den Tauberen und freundlichen Häufern unter 
Bäumen und Blumen zu wohnen ift. Die Gefellfchaft konnte in den Moralitäts- 
verhältniffen genau mit der Vermehrung der Coloniehäufer die wefentlichen Fort- 
fchritte zum Belferen bemerken. Die Verheiratungen nahmen zu, die unehelichen 
Kinder in rafcher Progreffion ab. Die Sterblichkeit hat fielt bedeutend verringert 
und das geiftige Leben ift ein vollkommen neugeftaltetes geworden, wie wir 
fpäter noch darftellen werden. Ein Wechfel der Arbeiter kommt feiten, unter 
den in den Häufern wohnenden gar nicht mehr vor. Die Arbeitsleiftung fteigert 
fich mit jedem Jahre. Jnt Jahre 1870 wurden per Mann im Jahre 299 Schichten 
gegen 262 des Jahres 1869 verfahren. Die durchfchnittliche Jahresleiftung per 
Mann, in Kohle ausgedrückt, betrug 3700 Centner oder per Tag 12 bis 
13 Centner. Int Jahre 1871 hatte fich die Arbeitsleiftung per Mann um 55 Centner 
gefteigert und kommt heute den Leiftungen der bedeutenderen Kohlenwerke 
in Schlefien, an der Ruhr und in der Saargegend gleich. 
Das find die Refultate der Wiener Weltausftellung auf dem Gebiete der 
fogenannten focialen Frage. Sie geben annähernd Zeugnifs, dafs auch in den 
letzten Jahren rüftig fortgearbeitet worden ift und dafs man fich bemüht hat, 
fowohl von Seiten der Arbeiter, als von Seiten der Arbeitgeber Neues und 
Treffliches zu fchaffen, die angeregten Gedanken und Thatfachen einer früheren 
Zeit glücklich auszubilden. Dafs dabei gerade bei uns in Oefterreich nach vielen 
Richtungen hin die Thätigkeit und Fürforge der Arbeitgeber überwiegend ift, 
darf keineswegs auffallen. Die auf einem breiteren Boden der Volksbildung ent 
wickelten Elemente der focialen Frage in Deutfchland, auf einer gröfseren focialen 
Ausgleichung und gefellfchaftlichen Freiheit in Frankreich gefchaffenen, ähnlichen 
Inftitutionen bedurften weniger der Unterftützung der Reichen und Begüterten. 
In Oefterreich aber fehlte lange das erfte fördernde Element und fehlt heute noch 
das, was Frankreich auszeichnet. Es mufste daher, wir möchten fagen von Oben
	        
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