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Wilhelm von Lindheim.
160.000 bis 300.000 Rubel. Hinfichtlich ihrer Produktion ift die Schafwoll-
Induflrie unter allen Induflriezweigen in Rufsland die zweitwichtigfle.
Den hauptfachlichften Rohftoff für die Schafwoll - Induftrie bilden die
heimlichen Schafwollen. Ausländifche Wolle führt man nur in fchwachen Quantitäten
(im Jahre 1871 100.000 Pud) ein; felbe werden faft ausfchliefslich in den polni-
fchen und Oftfee-Proyinzen confumirt. Die in den Fabriken zur Verwendung
gelangenden Wollen find: 1. Merinowolle, von welcher Rufsland jährlich circa
1,800.000 Pud producirt, einen Theil davon jedoch exportirt; 2. ruffifche Wollen
von den Ufern des Don und den Ländern jenfeits der Wolga; 3. Zigayawolle
(von, den Horden am Ural, Emba und Adaew) und 4. Kameelhaare, wovon man
700.000 Pud fammelt. Der Hauptmarkt für Merino- und Zigayawollen ift Odeffa
und Charkow, der für ruffifche Wolle Nifchnei-Nowgorod, Moskau und Roftow
am Don, der für Hordenwolle und Kameelhaare Gurjew. Bezüglich der Qualität
find diefe Sorten natürlich fehr verfchieden. Aus den Kameelhaaren fabricirt man
das fogenannte Bafchliktuch.
a^Tuchinduftrie. Im Jahre 1871 befafs Rufsland 510 Tuchfabriken,
welche 76.000 Arbeiter befchäftigten und für 44 Millionen Rubel Waaren
erzeugten. Aufserdem zählte das Königreich Polen 236 Fabriken mit 3900
Arbeitern und 3,750.000 Rubel Produktion, fowie das Grofsherzogthum Finnland
5 Fabriken mit 30 Arbeitern und 7600 Rubel Produktion. Zufammen ergibt diefs
751 Etabliflfements mit 79.800 Arbeitern und einem Produktionswerthe von
47,600.000 Rubel.
Die umftehende Tabelle zeigt die Vertheilung diefer Fabriken auf die
einzelnen Gouvernements je nach der Bedeutung ihrer Produktion.
Die Tuchfabrication ift für Rufsland von der gröfsten Bedeutung. Ordinäre
Militärtuche liefern 102 Fabriken, von denen auf das Gouvernement Simbirsk 26,
auf Penfa 21 , auf Moskau 15, auf Tambow 8, auf Saratow 7, auf Samara 6. auf
Rjäfan 5, auf Grodno 3, auf Woronefch 3, auf Nifchnei-Nowgorod, Kafan, Oren-
burg, Smolensk, Kaluga, Tula, Orel und Kiew je eine entfallen. Diefe Fabriken
produciren per Jahr 9.300.000 Arfchinen, welches Quantum nach Bedarf bis auf
13 Millionen Arfchinen erhöht werden kann. Die Militärtuche felbft find von
zweierlei Güte ; die für die Garde beftimmten werden aus Merinowolle geringerer
Qualität, die für die Linie aus ruffifcher oder kirgififcher Wolle verfertigt.
Von erfterem Tuche ift die Arfchine von dem Lieferanten zu 1 Rubel 40 Kopeken,
von dem letzteren zu 1 Rubel, refpektive 96 Kopeken für den fchwarzen, refpektive
grauen Stoff zu liefern. Von dem aus Kameelhaaren verfertigten Bafchliktuche
koftet die Arfchine 90 Kopeken bis 1 Rubel 10 Kopeken, je nach der Qualität.
Das für den allgemeinen Bedarf beftimmte Tuch wird in zwei Güten geliefert.
Die einen Fabriken verfertigen ordinäre, die anderen mittlere oder feine Tuche.
Die Preife fchw’anken zwifchen 2V2 bis 4 Rubel und mehr. Polnifche , livlän-
difche und Moskauer Fabriken liefern vornehmlich feinere Sorten. Was die
iogenannten Kiakhtatuche anbelangt, welche zumeift für den Handel mit China
beftimmt find, fo hat ihr Export fich in den letzten Jahren verringert; trotzdem
gewinnt die Fabrication derfelben von Jahr zu Jahr mehr an Bedeutung. Während
der Export von Tuchen und anderen Schafwoll-Waaren nach China in den Jahren
1856 bis 1861 jährlich einen Werth von 2,161.160 Rubel repräfentirte, belief fich
derfelbe in den Jahren 1862 bis 1865 auf nur mehr 1,902.466 Rubel. Von 1866
bis 1870 flieg er wieder auf 2,095.114 Rubel, um 1871 endlich auf 1,941.643 Rubel
zu finken. Die Urfache diefes Rückganges bildet die veränderte Lage des ruffifch-
chinefifchen Handelsverkehres, demzufolge die Ausfuhr via Kiakhta in dem mehr
und mehr aufblühenden Seeverkehre eine empfindliche Concurrenz erhalten hat.
Auch die Fabrication der künftlichen , aus wollenen Lumpen bereiteten
fogenannten Mungo- oder Schoddy-Wolle hat Eingang in Rufsland und in Folge
der Vertheuerung der echten Merinowolle auch eine gewiffe Ausdehnung gefunden.
Im Jahre 1871 gab es drei derartige Fabriken.